
21.03.07: Interview mit Peter Waldbauer
"Der Antisemitismus reicht bis in die Antike zurück, Vorurteile und Klischees halten sich bis heute in den Köpfen der Menschen": Ein Gespräch mit Peter Waldbauer, Autor des "Lexikons der antisemitischen Klischees" und einstiger Weggefährte des 1999 verstorbenen Börsen-Altmeisters und Juden André Kostolany.
Sie sind aus der Generation der "Spätgeborenen". Wie kommen Sie dazu, sich zum Thema Antisemitismus so ausführliche Gedanken zu machen?
Waldbauer: Durch mein Interesse am Judentum. Ich hatte relativ früh nach meiner Schulzeit einige Juden im Bekanntenkreis und kannte ja noch aus dem Geschichtsunterricht die Situation der Juden im Dritten Reich und auch die Vorbehalte vieler älterer Bürger gegen die Juden. Unter anderem in meiner Familie. Damals regte sich bei mir ein erstes Interesse für die Geschichte der Juden. Dies verstärkte sich natürlich noch, als ich André Kostolany kennenlernte, der ja dem klassischen Klischee des "jüdischen Börsenspekulanten" entsprach.
Vor ein paar Jahren kam mir dann die Idee, einmal aufzuschreiben, wie es sich tatsächlich mit diesen Klischees verhält. Zu Beginn dieser Tätigkeit ahnte ich jedoch nicht, dass die Vielzahl der Klischees für ein ganzes Buch reichen würde.
Wie haben Sie André Kostolany kennengelernt und wie sah die Zusammenarbeit mit ihm aus?
Waldbauer: Ich lernte ihn auf seinem Börsenseminar in Frankfurt am Main kennen, wo er sich in den Pausen gerne mit uns "Nachwuchs-Spekulanten" unterhielt. Der lockere Kontakt intensivierte sich über die Jahre, da ich bald zu den Stammgästen auf seinen Seminaren zählte. Anfang 1994 lud er mich zu sich nach Paris ein, den darauffolgenden Sommer-Urlaub verbrachten wir gemeinsam in Crans-Montana in der Schweiz. Seit dieser Zeit begleitete ich ihn auf vielen seiner Vorträge und traf ihn regelmäßig in München und Paris. Auch arbeitete ich das eine oder andere Mal an einer seiner Veröffentlichungen mit.
In Ihrem "Lexikon der antisemitischen Klischees" werden Vorurteile und Klischees dar- und richtiggestellt. Welche sind am meisten verbreitet?
Waldbauer: Das bekannteste Klischee dürfte wohl das vom "jüdischen Wucherer" sein, also dem jüdischen Geschäftsmann, der entweder Geld zu "Wucherzinsen" verleiht oder seine Waren zu "Schleuderpreisen" verkauft. Auch natürlich das vom "jüdischen Schieber" und "Inflationsspekulanten". Alles Klischees aus der Wirtschaft also. Ebenfalls weit verbreitet und gleichzeitig am absurdesten ist jedoch das Klischee von der "jüdischen Weltverschwörung". Wie sich das der kleine Moritz so vorstellt ...
Wie konnten diese Vorurteile entstehen und sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten etablieren?
Waldbauer: Viele der Klischees aus der Wirtschaft haben ja einen realen Kern, da die Juden tatsächlich immer wieder gezwungen waren, sich mit Handel, Geld, Kreditverkehr usw. zu beschäftigen. So blieb leicht das Klischee haften: Wer sich beruflich primär mit Geld beschäftigt, müsse geldgierig sein - zumal, wenn er in seinem Beruf auch noch Erfolg hat. Andere Klischees, etwa über Religion, entstanden wohl aus Angst vor fremden Sitten und Gebräuchen.
Bei der Verbreitung der Klischees spielte sicher eine Rolle, dass die Juden über die Welt weit verstreut sind und sich ihre Situation - Verfolgung, Verbote bestimmter Berufe - in vielen Ländern ähnelte.
Wo liegen die Wurzeln des Antisemitismus?
Waldbauer: Historisch reicht der Antisemitismus bis in die Antike zurück. Mit dem Vorwurf der Schuld am Tod Jesu Christi entstand der christliche Antisemitismus, oder besser: der kirchliche Antijudaismus.
Über die psychologischen Gründe kann ich nur spekulieren. Hier sind wohl eher Tiefenpsychologen gefragt. Spontan fallen mir Begriffe ein wie Minderwertigkeitsgefühl, Intoleranz und Unwissenheit.
Was will ihr Buch und an wen wendet es sich?
Waldbauer: Das Buch will aufklären und so manches bitterböse Klischee entlarven. Denn viele Vorurteile und Aggressionen entstehen ja einfach aus Unkenntnis.
Es wendet sich in erster Linie an Normalbürger; an diejenigen, die auf einfache Fragen eine klare Antwort suchen, also weniger an solche, die ohnehin "überzeugt" sind. Es ist kein Lexikon im streng wissenschaftlichen Sinn. Da es leicht lesbar geschrieben ist, eignet es sich auch gut für junge Leute.

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