
17.08.07: Interview mit Bernhard G. Suttner
"Völlig neue ethische Konzepte lassen sich nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln oder am Schreibtisch konstruieren", meint der bekannte Ökologe, Erwachsenenbildner und christliche Sozialethiker Bernhard G. Suttner. Ein Gespräch mit dem Autor des am 4. Oktober 2007 erscheinenden Buches "Die 10 Gebote - Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert" über "die aktuelle Brisanz der Zehn Gebote".
Kann ein rund 3.000 Jahre alter Text - die Zehn Gebote - dabei helfen, die großen Probleme des 21. Jahrhunderts - wie Klimakollaps, Artensterben und Armut - zu lösen? Oder brauchen wir eine neue Ethik?
Suttner: Dieser Text kann nicht nur helfen, er muss uns helfen! Völlig neue ethische Konzepte lassen sich nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln oder am Schreibtisch konstruieren. Auch die bedrängenden naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse motivieren für sich alleine noch nicht zu den nötigen Veränderungen in Politik, Wirtschaft und privatem Verhalten. Nicht nur der Kopf braucht Informationen - auch Herz und Gewissen müssen angeregt werden, die Dinge neu zu sehen und hilfreiche Korrekturen zu akzeptieren. Für unseren Kulturkreis sind die Zehn Gebote nach wie vor das wichtigste Konzept, das auf die Fragen nach "richtig" und "falsch" Antworten gibt. Deshalb muss eine aktuelle Interpretation dieses traditionsreichen Textes unter den speziellen Aspekten des 21. Jahrhunderts geleistet werden.
Von ökologischer Seite kommt oft Kritik an dieser zentralen Bibelstelle. Denn Aussagen zum Schutz der nicht-menschlichen Geschöpfe oder zur Bewahrung der Lebensgrundlagen fehlten ...
Suttner: Das ist auch wirklich ein großes Defizit. Es gibt die erzählerische Überlieferung von den "beiden Tafeln des Gesetzes", wonach auf der ersten an Moses übergebenen Steintafel die Gebote zum richtigen Verhältnis zu Gott und auf der zweiten Tafel die Gebote für das Zusammenleben mit den Mitmenschen enthalten gewesen seien. Ökologen und Naturschützern fehlt in diesem Modell die "dritte Tafel", auf der die Regeln für ein gutes Verhältnis zu den Tieren, zu den Pflanzen, zu den Lebensräumen und zur ganzen Erde stehen sollten. Ich meine allerdings, dass die Empfehlungen der "fehlenden dritten Tafel" zwischen den Zeilen des bekannten Textes entdeckt werden können. Diesen "Zwischentext" habe ich versucht herauszuarbeiten.
Wie steht es um den Gedanken weltweiter Gerechtigkeit?
Suttner: Es ist eine gesicherte Erkenntnis der Friedens- und Konfliktforschung, dass es ohne Gerechtigkeit keinen Frieden gibt. Auch die christliche Sozialethik bringt es auf den Punkt: Der Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit. Deshalb ist die gegenwärtige und schon lange andauernde ungerechte Verteilung der Güter und Chancen zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb der Staaten und Gesellschaften eine gefährliche Sache. Ich erkenne darin eine schwere Verachtung der Werte, die vom fünften und vom siebten Gebot geschützt werden sollen: Das Leben und die Freiheit der Ideenverwirklichung sind in Gefahr! Wem der gerechte Lohn für seine Arbeit - oder überhaupt die Möglichkeit zu arbeiten - verweigert wird, der kann im schlimmsten Fall nicht einmal sein Leben retten. Immer aber verliert ein Mensch in dieser Lage seine Freiheit, weil er auf Almosen angewiesen ist und wegen des bedrückenden Mangels seine Ideen nicht verwirklichen kann. Leider grassiert diesbezüglich Resignation: Die meisten Menschen meinen, es ließe sich hier nichts verbessern. Aktionen wie die "Global-Marshall-Plan"-Initiative widersprechen: Es gibt Möglichkeiten, das Elend zu bekämpfen und die Ursachen von Kriegen und Terrorismus positiv zu bearbeiten. Dabei würden übrigens mittelfristig alle gewinnen: Krieg und Ungerechtigkeit kosten auf Dauer unendlich mehr als ein fairer Ausgleich.
Unser Alltag in den reichen Industrieländern ist geprägt von Arbeitsstress, Materialismus und Konsum. Können uns die Zehn Gebote auch hier weiterhelfen?
Suttner: Allerdings! Gleich im ersten Gebot werden wir beispielsweise vor dem Götzendienst gewarnt. Ein Götze ist für mich ein vom Menschen selbst gemachtes und verabsolutiertes Sinn-System. Die modernen Götzen "materieller Konsum", "ständiges Wachstum", "Arbeit rund um die Uhr" und "ewige Jugend" verlangen riesige Opfer: Gesundheit, freundliche Beziehungen zu Mitmenschen oder auch die Lebenschancen künftiger Generationen werden riskant in Frage gestellt und dem götzenhaften Zielsystem untergeordnet. Wer sich von diesen Zwängen befreien will, muss über geistige Alternativen zum bloßen Materialismus nachdenken. Das ist für mich die Botschaft der Zehn Gebote!
Mit Ihrem Buch "Die 10 Gebote - Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert" betreiben Sie bewusst keine historische oder theologische Exegese. Was ist Ihr Ziel?
Suttner: Ich möchte eine nach wie vor weit verbreitete völlig verengte Sicht auf diesen Text aufbrechen. Ich möchte darstellen, dass wir es hier nicht mit einem kleinlichen Moralkorsett, sondern mit einem Befreiungskonzept zu tun haben. Mich leitet der Grundgedanke des Prologs zu den Zehn Geboten, in dem Gott an die "Befreiung aus der Sklaverei" erinnert. Es geht darum, die vielfältigen Möglichkeiten der Selbst- und Rückversklavung zu entdecken und sich dagegen zu immunisieren. Nehmen Sie die beiden Warnungen vor der zwanghaften Begehrlichkeit im neunten und zehnten Gebot: Wer nicht mehr ständig auf die Besitztümer des Nachbarn starren muss, wer den selbstbewusst-positiven Blick auf die eigenen Möglichkeiten trainiert, der ist auf einem guten Weg raus aus dem Hamsterrad der "Immer mehr und nie genug"-Haltung.
An wen wendet sich Ihr Buch, was wollen Sie mit ihm erreichen?
Suttner: Mir liegt daran, die aktuelle Brisanz der Zehn Gebote darzustellen und ich hoffe, religiösen wie religionsskeptischen Menschen ein paar überraschende Sichtweisen anbieten zu können. Vor allem liegt mir daran, die ökologische und soziale Bedeutung dieses häufig viel zu privatistisch interpretierten Textes zu betonen: Wer die Zehn Gebote ernst nimmt, hat guten Grund, sich nach Engagements umzusehen - zum Beispiel für den fairen Handel, für eine lebensfreundliche Energiepolitik und für die weltweite Achtung der Menschenwürde. Zum rein privaten Glück im stillen Kämmerchen fordern die Zehn Gebote im 21. Jahrhundert ganz gewiss nicht auf ...

"Bernhard G. Suttner hat ein interessantes Buch geschrieben. Für solche, die sich mit den Zehn Geboten beschäftigen, aber auch für andere (...). Ich wünsche dem Buch viele Leser."
Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher
Offizieller Erscheinungstermin des Buches "Die 10 Gebote - Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert" ist der 4. Oktober 2007 - Gedenktag des Hl. Franziskus von Assisi, Patron des Umweltschutzes und der Ökologie.
Unser Tipp: Das Buch "Die 10 Gebote - Eine Ethik für den Alltag im 21. Jahrhundert" können Sie in Kürze für 7,95 Euro im Buchhandel oder über unser Bestellformular erwerben.