„Harninkontinenz ist ein Tabuthema, obwohl Millionen Menschen bei uns davon betroffen sind. Die Patienten verschweigen ihre Probleme aus Verlegenheit oder Scham, manche halten sie auch für normal. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, eine Harninkontinenz zu therapieren. So kann beispielsweise durch ein gezieltes Beckenbodentraining die Entstehung einer Blasenschwäche verhindert oder zumindest eine bestehende verbessert werden.“ Der renommierte Urologe Prof. Dr. Stefan Corvin legt mit seinem Kollegen Dr. Hauke Hammerl in „Volkskrankheit Harninkontinenz. Das Selbsthilfe-Buch“ einen wertvollen Ratgeber mit Übungs-CD vor, in dem die Autoren das nötige Hintergrundwissen, die aktuellen Therapiemöglichkeiten, effektive Beckenbodenübungen und weitere nützliche Selbsthilfe-Maßnahmen kompetent und leicht verständlich beschreiben.
Viele Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz leiden an Harninkontinenz. Warum ist in der Öffentlichkeit dennoch so wenig über diese „Volkskrankheit“ bekannt, warum wird sie so ungern thematisiert?Prof. Dr. Corvin: Das Thema Harninkontinenz wird weiterhin stark tabuisiert. Gerade wegen der anatomischen Nachbarschaft von Harn- und Geschlechtstrakt verschweigen viele Patienten ihre Kontinenzprobleme, weil sie verlegen sind oder ihnen die Problematik zu peinlich ist, um sie dem Arzt zu schildern. Viele Betroffene betrachten dieses Problem auch als normal oder Teil des Alterungsprozesses. Viele Ärzte interessieren sich nicht für die Harninkontinenz und schließen Fragen zu diesem Problem aus ihrer Routinediagnostik aus. Viele ärztliche Kollegen haben zudem nur begrenzte Kenntnisse über aktuelle Therapiemöglichkeiten bei der Harninkontinenz.
Was sind die Ursachen für diese Funktionsstörung und wer ist am häufigsten davon betroffen?
Prof. Dr. Corvin: Die Ursachen der Harninkontinenz sind sehr vielfältig. Vaginale Entbindungen stellen sicherlich einen der Hauptrisikofaktoren für die Entstehung der Inkontinenz bei der Frau dar. Beim Mann kann vor allem die gutartige Vergrößerung der Prostata eine ausgeprägte Harndrangsymptomatik mit unwillkürlichem Urinverlust verursachen. Daneben können aber auch viele andere Faktoren wie Übergewicht, Infektionen, Medikamente, neurologische Erkrankungen, Alterungsprozesse, Fehlbildungen sowie Operationen oder Bestrahlungen im Beckenbereich eine Harninkontinenz verursachen.
Was raten Sie Betroffenen, wenn sie bestimmte Symptome einer Harninkontinenz an sich beobachten?
Prof. Dr. Corvin: Betroffene sollten frühzeitig einen in der Behandlung der Inkontinenz erfahrenen Arzt aufsuchen. Häufig kann schon mit relativ geringem Aufwand die Ursache der Harninkontinenz erkannt und zielgerichtet therapiert werden. Gerade bei leichteren Erscheinungsformen, wie der in den ersten Monaten nach einer vaginalen Entbindung häufig auftretenden Belastungsinkontinenz, kann aber auch in Eigenaktion durch die in unserem Ratgeber „Volkskrankheit Harninkontinenz“ ausführlich mit Übungs-CD dargestellten Beckenbodenübungen ein Fortschreiten der Blasenschwäche verhindert, diese manchmal sogar geheilt werden.
Sie empfehlen ein gezieltes Beckenbodentraining als geeignete Selbsthilfemaßnahme bei Harninkontinenz. Was wird dadurch erreicht? Welche anderen Maßnahmen können Betroffene selbst ergreifen?
Prof. Dr. Corvin: Häufig leiden die für die Kontinenz wichtigen Beckenbodenmuskeln unter einem Mangel an bewusster Betätigung. Durch ein gezieltes Beckenbodentraining wird die Muskulatur gestärkt, die Patienten lernen, diese Muskelgruppen willkürlich zu kontrahieren und zu entspannen. Außerdem kann nur durch den gezielten Einsatz von Muskeln deren weitere
Schwächung verhindert werden. Das Beckenbodentraining verfolgt somit zwei Ziele: Es kann eine bestehende Inkontinenz verbessern sowie überhaupt die Entstehung derselben verhindern. Des Weiteren beschreiben wir in unserem Ratgeber unter anderem den Einsatz von hilfreichen Hygieneartikeln, geeignete homöopathische Mittel, das bewährte „Toilettentraining“ und klassische Ernährungstipps.
Prof. Dr. Corvin: Der Einsatz synthetischer Schlingen zur Anhebung der Harnröhre hat die Inkontinenztherapie in den vergangenen Jahren quasi revolutioniert. Mit den modernen Schlingenoperationen (TVT, TOT, TVT-O) können Erfolgsraten von circa achtzig Prozent erreicht werden. Auch im Bereich medikamentöser Therapieansätze konnte mit dem Wirkstoff Duloxetin (Yentreve®) ein Durchbruch erzielt werden. Yentreve führt über eine Nervenstimulation zu einer verbesserten Kontraktilität des Harnröhrenschließmuskels. Bei fünfzig Prozent der behandelten Patienten kann mit dieser Therapie eine Verbesserung der Inkontinenz erzielt werden. Jedoch wird auch hier die grundsätzliche Kombination der medikamentösen Behandlung mit einem gezielten Beckenbodentraining empfohlen.
Aktuelle experimentelle Ansätze beschäftigen sich mit der Injektion von körpereigenen Stammzellen in den Schließmuskel. Diese Zellen sollen sich im Muskel vermehren und diesen stärken. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann der langfristige Effekt dieser sicherlich attraktiven Therapie jedoch noch nicht beurteilt werden.
Harninkontinenz kann praktisch in jedem Lebensalter auftreten. Gibt es Möglichkeiten, bereits in jungen Jahren vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen?
Prof. Dr. Corvin: Leider sind kaum wissenschaftliche Daten zu vorbeugenden Maßnahmen vorhanden. Es erscheint jedoch sicher, dass eine Prophylaxe in Form eines gezielten Beckenbodentrainings in bestimmten Lebensphasen (zum Beispiel Schwangerschaft, Zeit nach Geburt und gynäkologischen Operationen) die Entstehung einer Harninkontinenz verhindern kann. Außerdem sollten Risikofaktoren wie Übergewicht oder bestimmte Medikamente möglichst reduziert werden.
Prof. Dr. med. Stefan Corvin / Dr. med. Hauke Hammerl
Volkskrankheit Harninkontinenz
Das Selbsthilfe-Buch
Mit Übungs-CD
Mankau Verlag, 1. Aufl. Juni 2010
17,95 € (D) / 18,50 € (A)
Broschur mit Audio-CD, 173 Seiten
ISBN 978-3-938396-42-1
Link-Empfehlungen:
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