• Interview mit dem Präventionsmediziner Prof. Dr. med. Jörg Spitz: Sonnenlicht schützt vor Krebs

    „Die Menschen werden zwar immer älter, aber auch immer kränker. Die wenigsten wissen, dass sie in ihrem Lebensstil gleich mehrere Defizite aufweisen. Gerade ein Vitamin-D-Mangel stellt hier ein ernstes Problem dar; nur wenn das ‚Sonnenhormon‘ in ausreichendem Maße vorhanden ist, können unsere Zellen optimal funktionieren. Vitamin D kann sogar vor Krebs schützen oder ein Fortschreiten der Krankheit verhindern.“ Der Ernährungs- und Präventionsmediziner Prof. Dr. med. Jörg Spitz beschreibt zusammen mit dem Vitamin-D-Experten William B. Grant, Ph. D. in seinem neuen Buch "Krebszellen mögen keine Sonne" die Bedeutung von Vitamin D als Schutzschild vor Krebs, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten.

    content/attachments/49-spitz_j%C3%B6rg_200pix-.jpg/Seit der Antike wurde die Sonne kultisch verehrt und stand bis ins 20. Jahrhundert hinein sogar im Mittelpunkt der so genannten „Heliotherapie“. Wann und warum hat sich dies geändert?

    Prof. Spitz: Das Bewusstsein für die Bedeutung der Natur als ganz wesentlich für die Existenz des Menschen ist in dem Maße verloren gegangen, wie die technischen Fortschritte immer beeindruckendere Ergebnisse lieferten. Dies gilt auch für den Bereich der Medizin – ganz gleich, ob es sich dabei um neue Operationstechniken oder die Erfindung der Antibiotika handelt. Scheinbar braucht man die Natur nicht mehr!

    Sie machen unter anderem einen „nicht artgerechten Lebensstil“ des modernen Menschen für die Zunahme chronischer Krankheiten verantwortlich. Wie verhält sich das zur Verlängerung der Lebenserwartung durch den medizinisch-technischen Fortschritt?

    Prof. Spitz: In den letzten Jahren ist zunehmend deutlicher geworden, dass eine Verlängerung der Lebenserwartung nicht automatisch bedeutet, dass diese zusätzlichen Jahre auch in guter Gesundheit erlebt werden. Vielmehr ist es genau umgekehrt: Da die Medizin die chronischen Krankheiten nicht heilen kann, erhält sie mit ihren symptomatischen Maßnahmen die Menschen am Leben, sodass sie in der Tat deutlich älter werden. Leider aber auch immer kränker! Bereits zehn Prozent der deutschen Bevölkerung werden offiziell als behindert eingestuft. Und dies nicht als Folge von Unfällen, sondern als Folge chronischer Erkrankungen.

    Bis in die 1970er Jahre hinein wurde Vitamin D nahezu ausschließlich mit dem Knochenstoffwechsel in Verbindung gebracht. Wie kam es zur Entdeckung der außerordentlichen Bedeutung des „Sonnenhormons“?

    Prof. Spitz: Hier sind zwei Faktoren von Bedeutung: Zum einen fanden die Wissenschaftler so genannte „Vitamin-D-Rezeptoren“ – das sind Bindungsstellen für das Sonnenhormon – nicht nur im Knochengewebe, sondern in immer mehr Zellen im Körper. Zum anderen wurde entdeckt, dass nicht die Gene unsere Zellen steuern, sondern umgekehrt die Zellen ihre Gene steuern können, so wie es die jeweilige Situation des Zellstoffwechsels erfordert. Derzeit wird diskutiert, dass bis zu tausend Gene mithilfe von Vitamin D gesteuert werden.

    Welche Auswirkungen hat Vitamin D auf bösartige Tumore und andere chronische Krankheiten?

    Prof. Spitz: Man kann pauschal und vereinfachend sagen, dass Vitamin D eine Art Schutzhormon ist. Dies ergibt sich aus dem zuvor Gesagten, dass für viele Zellfunktionen Vitamin D benötigt wird. Ist es in ausreichendem Maße vorhanden, können die Zellen optimal funktionieren und das zugehörige Organ bleibt gesund. Speziell bei der Entstehung bösartiger Tumore sorgt Vitamin D an vielen Stellen der Entwicklung des Tumors dafür, dass das Tumorwachstum nicht voranschreitet. Daraus ergibt sich, dass das Sonnenhormon nicht nur bei der Verhinderung von bösartigen Tumoren eine große Bedeutung hat, sondern auch für die weitere Prognose bei einer bereits bestehenden Krebserkrankung.





    Gesunde Ernährung allein kann den erforderlichen Vitamin-D-Bedarf nicht decken. Wie viel Vitamin D braucht der Mensch und welche Alternativen gibt es, den Vitamin-D-Spiegel im Blut zu erhöhen?

    Prof. Spitz: Diese Frage ist einige Jahre lang kontrovers diskutiert worden. Inzwischen besteht jedoch weitgehend Einigkeit, dass wir im Blut einen Vitamin-D-Spiegel von mindestens 30 bis 40 ng/ml haben sollten und dass eine normalgewichtige Person dazu etwa 4.000 IE täglich erhalten muss. Dabei ist es für die Wirkung von Vitamin D völlig gleichgültig, ob es mithilfe natürlicher oder künstlicher UV-Strahlung in der Haut entstanden oder als pharmazeutisches Präparat hergestellt worden ist.

    Ein Ziel Ihres Buches ist die Hilfe zur Selbsthilfe bei der Bekämpfung von Krebs und anderen Krankheiten. Wie kann dies erreicht werden?

    Prof. Spitz: Eine alte Spruchweisheit lautet: „Eine erkannte Gefahr ist eine gebannte Gefahr!“ Dies gilt auch und gerade im Bereich der Gesundheit. Die meisten Menschen wissen nicht, dass sie nicht nur ein einzelnes, sondern mehrere Defizite in ihrem Lebensstil aufweisen. Erst wenn ihnen dieses bewusst ist, können sie eine Änderung herbeiführen und damit etwas für ihre Gesundheit tun. Das Buch hilft dabei gleich doppelt: Es verbessert die Gesundheitskompetenz des Lesers und gibt zusätzlich konkrete Ratschläge, wie er mit dem aufgezeigten Problem umgehen kann.

    Was verstehen Sie unter dem Konzept einer „ganzheitlichen Gesundheitsvorsorge“ bzw. „integralen Prävention“?

    Prof. Spitz: Die in den vergangenen Jahrzehnten eingetretene Änderung unseres Lebensstils ist so ausgeprägt, dass wir eine ganze Reihe von Defiziten entwickelt haben, von denen der Vitamin-D-Mangel nur einer ist und von denen jeweils 70 bis 90 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Am längsten bekannt, jedoch keineswegs beseitigt, ist der Bewegungsmangel. Die Folgen „schwabbeln“ in zunehmendem Maße als fette Menschen durch unsere Straßen! Verstärkt werden die Folgen des Bewegungsmangels durch einen Mangel an Mikronährstoffen in unserer Nahrung. Das Gleiche gilt für einen Mangel an lebenswichtigen Fettsäuren, nachdem die Fette – wie jetzt die Sonne – jahrzehntelang als Bösewichte dargestellt wurden, die sie so eben nicht sind!

    Die Liste der Mängel in unserer modernen Gesellschaft lässt sich weiter fortsetzen mit dem Verlust an regelrechtem Trinkwasser, dem Verlust der reinen Luft, dem Verlust der ungestörten Nachtruhe, dem Verlust des eigenen Singens und Musizierens und letztendlich dem Verlust von sozialem Bezug. Alle diese Mängel führen dazu, dass der Körper des Menschen nicht mehr so funktionieren kann, wie er es idealerweise könnte, wenn er über diese Ressourcen verfügt. Und damit sind wir wieder bei den Ursachen unserer chronischen Krankheiten.

    Integrale Prävention bedeutet nun, dass wir uns nicht damit begnügen können, irgendwoher ein bisschen Vitamin D aufzutreiben oder mal einen Salat mehr zu essen, sondern wir müssen versuchen, langfristig möglichst alle aufgezählten Ressourcen dem Körper wieder regelmäßig zur Verfügung zu stellen. Dann haben wir eine ideale Gesundheitsvorsorge, die nicht zu einer noch höheren Lebenserwartung, sondern zu mehr Lebensqualität führt!

    content/attachments/50-9783938396643_150pi.jpg/Prof. Dr. med. Jörg Spitz / William B. Grant, Ph. D.: Krebszellen mögen keine Sonne. Vitamin D – der Schutzschild gegen Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen. Ärztlicher Rat für Betroffene. Mit Vitamin-D-Barometer und Lebensstil-Risiko-Fragebogen. Mankau Verlag, 1. Auflage 2010, Klappenbroschur, 14 x 21 cm, 157 S., vierfarbig, zahlr. Abb., 12,95 € (D) / 13,40 € (A), ISBN 978-3-938396-64-3.

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