
Zitat von
chrissi
Und weißt du auch was? Ein alternatives Verhalten kann man erst an den Tag legen, wenn man eine Alternative hat.
Ich habe noch keine Alternative zu Schokolade gefunden, wenn ich in einem gewissen emotionalen Modus bin. Wobei ich heute einen Einblick bekam. Muss ich gestehen.
Ich war im "Schokolade von der Tankstelle holen" - Modus. Tagsüber im Supermarkt hatte ich mir keine (zu wenig) gekauft und mir mehr VERBOTEN (DAS halte ich für ein Fehlverhalten). Auf dem Weg zur Tankstelle wusste ich, ich würde stundenlang nichts zu Essen brauchen, selbst wenn ich Hunger hätte, wenn ich ein "aufregendes" Leben hätte. Ich stellte mir vor, wie es wäre, auszugehen und den Zauber wieder zu beleben, den ich in der Jugend hatte... einem heimlichen Schwarm begegnen und alleine davon schon stundenlang berührt sein... Ja, ich wusste - das würde ich lieber machen. Die Schokolade hätte ich flugs vergessen. Nur: Das ist nicht mehr umsetzbar. Aber welches Gefühl war es? Lebendig sein, eine Zukunft haben, den Glauben an Möglichkeiten, Träume und Visionen.
Gibt mir Schokolade dieses Gefühl? Nein. Es stopft die Leere. Bevor ich in diese motivierende Phase kam, damals, da betäubte ich mich auch mit Schokolade. Ich hatte Sozialphobie, war erfolglos im Beruf, war depressiv und voller Selbsthass. Ich war fett und fühlte mich hässlich und nicht liebenswert. Mir war unvorstellbar, dass ein Mann mich wollen könnte. Damals kapitulierte ich und wenn ich schon alleine vor die Hunde gehe - dann nasche ich zumindest wie ich will. Ich betäubte mich damit auch, tröstete mich. Wenn ich schon fett und hässlich und alleine war, dann wollte ich es zumindest auskosten... und das tat ich.
Dann nahm ich extrem ab, ich fand einen Job und stolperte ins aufregende Leben hinaus, suchte eine Wohnung, machte Führerschein,...
Ich weiß, dass mir dieses "Ausgehen" heute nichts mehr geben würde. Aber das Gefühl müsste ich doch wieder beleben können. Diese Selbsthass-Schokolade-Betäubungs-Phase überwinden mit dem "Aufbruch und die Welt aus den Angel heb"-Gefühl. Meine "WIE WILL ICH SEIN" Gedanken kommen dem schon entgegen... auf jeden Fall aber merke ich schon sehr stark, dass mein derzeitiges Essen einen starken Mangel betäubt. Welchen Mangel, das habe ich beschrieben. Ich verbarrikatiere mich zu Hause. Ich ERLEBE nichts - oder nur in sehr eingeschränkem Rahmen, der es an Impulsen mangeln lässt.
WIE will ich sein? Eine gute Frage. Die Antwort: So wie damals in der Aufbruch-Phase. Nur bin ich heute viel - hm - ernüchterter. Träume, Visionen, Möglichkeiten... ich sehe nur Ängste, Steine und Banalität. Um mich mit diesem Gefühl des Versagens nicht zu befassen - ODER/UND - weil dieses Gefühl eben wiederum Versagen/Selbsthass schürt, falle ich ins fressen. Betäuben. Wie damals.
Ich weiß das. Ich will mich alternativ verhalten. Aber ich habe im Moment noch keine Idee für eine Alternative. Also hasse ich mich nicht, wenn ich zur Tankstelle laufe, um mir Schokolade zu kaufen. Ich weiß nur noch nicht, was klüger ist: Mir gleich die Menge kaufen, die mir das Gefühl gibt, das kann ich WIRKLICH NICHT auf essen. Oder aber nur kleine Mengen kaufen, dafür aber wegen jeder Tafel extra einkaufen gehen. In beiden Fällen verbiete ich mir nichts. Einmal nur renne ich dann wie ein Junkie herum und muss mir jedes mal ein anderes Geschäft suchen, weil ich mir sonst blöd vorkomme. Aber ich habe frische Luft. Im Anderen Fall - wenn ich wirklich wüsste - ich KANN DAS NICHT AUF ESSEN, würde vielleicht der Druck sinken. Ich habe mir das mal bei Mozartkugeln gedacht. Ich hatte eine Packung. Ich hatte den Druck, sie alle aufessen zu müssen. Es war eine große Packung und sie aufzuessen war eine harte Arbeit. Ich hätte damals nach zwei oder drei Kugeln genug gehabt - aber irgendwie war da dieses "auf essen". Ich kenne das auch heute. Nötigenfalls mit Gewalt. Ich aß so vielleicht 20 Kugeln. Damals fragte ich mich: Angenommen ich hätte einen Swimmingpool voll Mozartkugeln. Ich wüsste also eindeutig: Das kann ich NIEMALS auf essen, nicht heute, nicht in dieser Woche, vermutlich nicht einmal in einem Monat oder Jahr. Ich fragte mich, wie viele Kugeln ich dann gegessen hätte. Ob ich auch auf 20 gekommen wäre. Ob ich vielleicht sogar 30 gegessen hätte. Oder ob ich nach 3 Stück aufgehört hätte, im Wissen, ich kann ja jederzeit, wenn ich will, eine haben.
So. Jetzt habe ich viel geschrieben. Verschiedene Aspekte. Irgendwie sagt das viel über die Motivation aus. Aber irgendwie bin ich dennoch nicht in der Lage, mich zu befreien. Es ist so, als liefe ich wie der berühmte Esel hinter der Karotte her: Die ultimative Erkenntnis und die damit einhergehende "natürliche" Umsetzung immer grad so vor der Nase - aber nicht zum Erreichen.
Mein Freund meinte übrigens letztens, er habe eine seltsame Essstörung: Er esse nur, wenn er Hunger habe. Ansonsten denke er gar nicht an Essen und habe auch keinen Impuls. Er sah es tatsächlich als eine Art Makel, daß er kein Ritual habe oder nicht esse, nur weil es ihm schmeckt. Er lebt das, was wir erreichen wollen. Er meint, er kann essen soviel er will, er nimmt nicht zu. Er hat tatsächlich so gut wie kein Fett am Körper. Hungert nicht, macht keine Diät... Auch diese Karotte vor meiner Nase: Ich sehe es, ich habe den Beweis, ich sehe die Methode - aber ich komme nicht hin. Ich glaube, manchmal bin ich verrückt genug, alleine deswegen zu fressen. Weil es mich nervt, kein natürliches Verhältnis zum Essen zu haben.
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