Anleitung für Simulanten: "Wir alle wohnen in Schummelland!"

Interview mit den Psychologen Prof. Dr. Gisbert Roloff und Priv. Doz. Dr. Barbara Zoecke sowie dem Mediziner Dr. Andrzej Angielczyk 

„Menschen muss man zum Täuschen nicht anleiten; wir alle täuschen – mehr oder weniger bewusst – gerne und oft. Schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Betrüger, der ein bisschen besser, attraktiver und schlauer sein will als alle anderen. So stellt unser Ratgeber einerseits einen Spiegel dar, in dem sich jeder selbst erkennen kann, gleichzeitig ist er auch als Wegweiser zu sehen. Wer beide Aspekte weise nutzt, wird sich und anderen das Leben erleichtern.“

In ihrem Ratgeber „Anleitung für Simulanten – Reiseführer ins Schummelland“ beleuchten die drei Autoren auf humorvolle Weise die Kultur der Täuschung aus verschiedenen Perspektiven ­– und bieten dem interessierten Leser dabei sogar manch guten Rat für alltägliche Zipperlein.

„Anleitung zum Unglücklichsein“ heißt ein bekanntes Buch des Psychologen Paul Watzlawick. Ist Ihre „Anleitung für Simulanten“ hier genauso wenig als Aufforderung zu verstehen?

Roloff: Paul Watzlawicks Brevier zeigt, wie wir uns selbst Tag für Tag im Wege stehen. Und gerade weil dieses Buch sich als Ratgeber zum „Unglücklichsein“ tarnt, belehrt es in witziger Form darüber, was jeder einzelne tun kann, um glücklich(er) zu werden. Unser Ratgeber ist in mindestens doppelter Funktion zu sehen: als Spiegel, in dem sich jeder erkennen kann, aber auch als Wegweiser. Wer beide Funktionen weise nutzt, wird sich und anderen das Leben erleichtern.

Was hat Sie bewogen, ausgerechnet eine „Gebrauchsanweisung“ für Verhaltensweisen zu geben, die seit Anbeginn der Kultur auf Schärfste moralisch verurteilt werden?

Zoeke: Gebrauchsanweisungen sagen ja nicht „tu dies oder tu das“, sondern: „Wenn du es tust, mach es richtig.“ Im Übrigen: Menschen muss man zum Täuschen nicht anleiten. Sie täuschen aus egoistischen, aber auch aus altruistischen Gründen. Oder würden Sie einem schwer kranken Freund sagen, dass er wie der leibhaftige Tod aussieht? Würden Sie nicht eine beschönigende Formel finden, um sich und ihm das Leben zu    erleichtern? Anders formuliert: Wir brauchen Gebote und Verbote, weil wir so gut täuschen können.

Nur wer geschickt zu täuschen und zu tricksen gelernt hat, kann überleben und sich fortpflanzen, heißt es in der Evolutionsforschung. Welche Beispiele lassen sich für diese Strategien bei  unseren tierischen Verwandten finden?

Roloff: Ja, die Evolutionsforschung liefert tatsächlich schlagende Beweise für Simulation bei Tieren. Sie finden im ersten Teil unseres Buches überraschende und witzige Überlebensmuster. So der Tintenfisch, der nicht nur tausend Mal am Tag seine Färbung dem Untergrund anpassen kann, um seinen Fressfeinden zu entfliehen. Er kann auch seine Form wechseln, zur pfeilschnell davon schießenden Flunder, zur Seeschlange, zur Schnecke werden. Und dass Schimpansen Meisterstücke der Täuschung vollbringen, um dem Pascha ihrer Gruppe ein Weibchen abzujagen, hat die Feldforschung längst überzeugend belegt.

 Gerade in der Glitzerwelt der Medien entpuppt sich der schöne Schein nicht selten als bloße Kulisse. Sind unsere Stars und Sternchen hier nur schlechte Vorbilder oder gar die Spitze des Eisbergs?

Zoeke: Die Stars und Sternchen sind vielleicht gelegentlich Vorbilder, vor allem aber sind sie tatsächlich die Spitze des Eisbergs. Hier wirken die Medien wie ein Vergrößerungsglas: Wenn die Medien zuschauen, wird eben alles greller und bunter, wie wir im ersten Teil unseres Buches erwähnt haben. Wesentliche Unterschiede zu den „normalen Leuten“ sehen wir da nicht. Schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Betrüger, der ein bisschen attraktiver und intelligenter sein will als alle anderen.

Im Alltag ist es vor allem die moderne Arbeitswelt, die zum Täuschen und Tricksen herauszufordern scheint. Lässt sich hier eine Veränderung im Unterschied zu früheren Epochen feststellen?

Roloff: Vielleicht haben sich nur die Methoden verfeinert. Schließlich sind Begriffe wie „Blauer Montag“ und „Blaumachen“ schon lange im deutschen Sprachschatz verfügbar. Auch die Briten haben einen besonders schönen Ausdruck, nämlich „to take a sicky on Monday“, um auf einen verbummelten Montag hinzuweisen. Und unsere polnischen Nachbarn benutzen das charmante Wort bumelować. Die Einschränkung auf die Arbeitswelt möchten wir allerdings zurückweisen. In unserem Buch finden sich zahlreiche Beispiele für Täuschen und Tricksen in ganz anderen Bereichen. Schlagen Sie nur die Zeitung auf: Da werden Steuern hinterzogen, Versicherungen betrogen, faule Wertpapiere verkauft, falsche Doktortitel benutzt, Forschungsergebnisse geschönt ...

In der ärztlichen Praxis hat man es häufig mit Simulanten zu tun. Woran erkennt ein Arzt den gespielten Schmerz? Und was muss der Simulant beachten, um glaubwürdig zu täuschen

Angielczyk: Simulanten übertreiben und dramatisieren gerne; wer also Schmerzen vortäuschen will, sollte sich kundig machen, wo und warum etwas weh tun kann. Denn wer ständig mit heftigen Schmerzlauten reagiert, wird den Fachmann kaum überzeugen. Auch der nicht, der in der Unterhaltung mit dem Arzt seine vorgetäuschten Schmerzen vollständig „vergisst“. Jede gesundheitliche Störung folgt einer eigenen klinischen Logik, die zu beachten ist. Wir gehen im zweiten Teil unseres Buches ausführlich auf mögliche Fallstricke ein.

Bei aller Ironie hat die Neigung zur (Selbst-)Täuschung oft ganz handfeste Ursachen, etwa in traumatischen Lebenssituationen. Welche Funktionen des Sich-und-anderen-etwas-Vormachens gibt es hier?

Zoeke: Traumatische Lebenssituationen – zum Beispiel Folter, Vergewaltigungen, Bürgerkriege –, wie sie im dritten Teil dargestellt werden, können die Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen weit überfordern. Dann kann zu den Strategien des Sich-und-anderen-etwas-Vormachens die Verleugnung des traumatisierenden Ereignisses treten. Was ich verschweige, ist – zumindest für die anderen – nicht geschehen. Manchmal wird auf diese Weise die Wiederbelebung des Traumas vermieden.

Ärzte, Klinische Psychologen und Gutachter aller Fachrichtungen sind dem Wohl der Menschen und dem Wohl der Gemeinschaft verpflichtet. Und doch entscheidet ihr Urteil über das weitere Schicksal des Patienten oder Delinquenten. Ist „nichts als die Wahrheit“ immer das Richtige für Profis?

Roloff: Wir wären keine Profis, wenn wir diesem Satz zustimmten. Wer an die eine, die einzige Wahrheit glaubt, dürfte in seinen Kinderschuhen steckengeblieben sein. Vielfach wird es bei zwischenmenschlichen Beziehungen – und auch die Klient-Professional-Beziehung ist eine solche – die unterschiedlichsten Schattierungen von Wahrheit geben. Und manchmal wird es weise sein, nicht die Augen zu verschließen – das wiederum wäre unprofessionell –, sondern sehenden Auges zumindest eines etwas zuzudrücken. In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten, wie die Juristen sagen. Wir befassen uns im vierten Teil des Ratgebers mit solchen Fragen.

Angielczyk: Ein weiterer Aspekt verkompliziert die Angelegenheit. Ein Gutachter wird von vornherein als verlängerter Arm des Auftraggebers gesehen. Diese Rollenzuweisung kann den Aufbau einer sachgerechten Arbeitsbeziehung erschweren. Umso mehr wird ein Gutachter seine "Wahrheit" immer wieder überprüfen müssen.


Buch-Tipp:
Gisbert Roloff / Andrzej Angielczyk / Barbara Zoeke: Anleitung für Simulanten. Reiseführer ins Schummelland. Mankau Verlag 2014, Taschenbuch, 12 x 19 cm, 191 S., 9,95 € (D) / 10,30 € (A), ISBN 978-3-86374-153-2.

Link-Empfehlungen:
Mehr Informationen zum Ratgeber "Anleitung für Simulanten"
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