„Die Rauhnächte bieten Zeit zum geistigen Atemholen“

Interview mit Gerhard Merz, Journalist und Autor zu "Rauhnächte"

„Auch wenn wir modernen Menschen uns nicht mehr vor der ‚Wilden Jagd‘ fürchten und den eisigen Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig keinen unheimlichen, dämonischen Charakter beimessen, bringt die Zeit ‚zwischen den Jahren‘ doch eine ganz besondere Energie mit sich. Sie bietet eine wunderbare Gelegenheit innezuhalten, auf das alte Jahr zurückzublicken, seiner Seele Ruhe zu gönnen, den eigenen Standpunkt zu klären und sich ins neue Jahr einzufügen.“

Gerhard Merz, Autor des Kompakt-Ratgebers „Rauhnächte“, lädt dazu ein, traditionelle Rituale kennen und die Mysterien der Zwölften besser verstehen zu lernen.

Für unsere Vorfahren war die Zeit zwischen den Jahren eine besondere Phase voller Geheimnisse und Gefahren. Worauf ist dieser Volksglaube zurückzuführen?

Merz: Als Rauhnächte oder Zwölften wird die Anzahl von zwölf Tagen und Nächten bezeichnet, die in die Weihnachtszeit auf die Tage zwischen 25. Dezember und 6. Januar fallen. Die Zwölften entsprechen der Zahl von Tagen, die die Differenz zwischen dem Mondjahr (354 Tage) und dem Sonnenjahr (366 Tage) ausmachen. Dem Mondkalender fehlen also elf Tage oder zwölf Nächte bis zum astronomisch korrekten Sonnenumlauf. Diese zwölf Nächte galten als Tage außerhalb der Zeit, in denen die Tore zur Geisterwelt, zur Anderswelt, dem Reich der Lebenden und der Toten, weit offen standen.

Was versteht man unter den sogenannten „Rauhnächten“, die zwischen der Wintersonnenwende und dem Dreikönigstag stattfinden sollen? Warum gibt es hier unterschiedliche Traditionen der betreffenden Tage und Nächte?

Merz: Unterschiedliche Auffassungen gibt es darüber, an welchen Tagen die Rauhnächte tatsächlich sind. Eine Zählweise beginnt bereits am Thomastag, dem Tag der Wintersonnwende am 21. Dezember, eine andere vom 25. Dezember bis zum 1. Januar. Die Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar (beide Daten markierten das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres), galt in den meisten Regionen als die eigentliche Zwölften-Zeit (gerechnet von Mitternacht nach dem Heiligen Abend bis null Uhr des Dreikönigstages). Im christlichen Sprachgebrauch wurden sie auch zwölf „Weihnachtsnächte“ genannt – mit der Einführung des Christentums ersetzte man die ursprünglich heidnischen zwölf heiligen Nächte durch die zwölf Weihnachtage.

Insbesondere den Träumen in den Rauhnächten kommt nach traditioneller Auffassung eine wichtige Bedeutung zu. Welche Symbole und Bilder sind dabei aufschlussreich, und wie lassen sich diese deuten?

Merz: Der Überlieferung nach haben die Träume in den Rauhnächten eine eigene Qualität, konnten Raum und Zeit überwinden, auf zukünftige Ereignisse hinweisen, waren besonders intensiv und aufschlussreich. Nach alter Tradition stand jeder Traum für ein besonderes Ereignis in den nächsten Monaten. Der Traum der ersten Rauhnacht war aufschlussreich für den Januar, der Traum der zweiten Rauhnacht für den Februar usw. Die „gesehenen“ Erlebnisse wurden als wichtige Hinweise und Botschaften der Götter- und Geisterwelt angenommen. Da jeder Mensch anders träumt, gibt es für die Deutung der Traumbilder oder Traumsymbole kein Patentrezept. Jeder Traum ist anders, jedem Traum liegt ein anderes Erfahrungsleben vor, denn jede Seele hat ihre eigenen Bilder, Farben, Empfindungen. In der Hauptsache umkreisten und umkreisen die Träume die eigene Lebenssphäre: Haus und Heim, Wald und Feld – heutzutage Beruf und Arbeit –, das Wetter, Liebe, Geburt und Tod. Träume sind immer individuell. Bestimmte Symbole können sich wiederholen, letztlich aber muss jeder seine Träume selbst deuten.

Das Räuchern war ein fester Bestandteil der in den Rauhnächten durchgeführten Riten. Woher stammt die auch gegenwärtig noch gepflegte Tradition, und was soll damit bezweckt werden?

Merz: Das Räuchern ist nachweislich eine schon viele Tausend Jahre alte Tradition. Es gibt kaum eine alte Kultur, die nicht die Kraft des Räucherns für ihre Zeremonien genutzt hat. In vielen alten Texten ist von Kräutern und Harzen die Rede, welche die Götter besänftigten und wohltuende, heilende Wirkungen auf Körper, Geist und Seele besaßen. Das Räuchern mit ausgewähltem Räucherwerk diente der Reinigung, sollte für ein neues, erfüllendes Jahr positive Energien in Häuser und Wohnungen strömen lassen, negative Kräfte abweisen, böse Geister und Dämonen vertreiben. Ein uralter Brauch, der verschiedene Saiten der Seele eines Menschen zum Klingen bringen kann. Heute entdeckt man den Brauch des Räucherns wieder. Seit ein paar Jahrzehnten wird das Räuchern immer populärer und beliebter. Es ist nicht mehr lediglich an Gottesdienste verknüpft, sondern steht unterdessen als eigenständige Handlung für sich. Räuchern hat viel mit sich Zeit nehmen, Achtsamkeit, sich einlassen, heilen, genießen, sich öffnen, sich transformieren und Bewusstseinserweiterung zu tun.

In manchen Regionen, Gegenden und Landesteilen zählt die „Thomasnacht“ vom 21. auf den 22. Dezember zu den Rauhnächten. Was ist das Besondere an dieser Nacht?

Merz: Die dem Thomastag folgende längste Nacht des Jahres, die Wintersonnwende, erinnert an den „ungläubigen Thomas“, einen der zwölf Apostel, der an die Auferstehung Jesu zunächst nicht glauben wollte. In den Regionen, in denen sie als erste Rauhnacht begangen wurde, galt sie als die Geister- und Orakelnacht schlechthin, woraus sich mancherlei Volksbräuche und Aberglauben ableiten lässt. In der Thomasnacht wurde im Haus, allen Anwesen und Ställen geräuchert, um die bösen Geister und Dämonen zu vertreiben. Die dem Thomastag vorausgehende Nacht war wie kaum eine andere Nacht dazu geeignet, die Zukunft zu befragen. Die Thomasnacht ist die erste der vier Rauhnächte, in denen die Wilde Jagd umgeht. Im Volksmund heißt es: Am Thomastag wächst der Tag um einen Hahnenschrei. Übrigens wurde in dem seit 1970 gültigen Römischen Kalender das Fest des heiligen Thomas auf den 3. Juli, dem Tag der Übertragung seiner Gebeine nach Edessa (Türkei), verlegt.

Was können moderne und vermeintlich aufgeklärte Menschen heute noch mit den Mysterien der zwölf Rauhnächte anfangen? Geht es hier vielleicht um mehr als lediglich die Faszination am kuriosen Aberglauben?

Merz: Die Rauhnächte, die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren, bringen eine ganz besondere Energie mit sich. Diese Zeit, der bereits in vorchristlichen Tagen eine besondere Bedeutung zugemessen wurde, hat in unseren modernen Zeiten bestimmt viel von ihrem unheimlichen, dämonischen Charakter verloren. Dennoch gibt es noch immer viele Menschen, die den Zeitraum zwischen den Jahren zur Meditation, zum Innehalten und des sich Besinnens nutzen. Menschen, die vielleicht einige Tage Urlaub nehmen, um in Ruhe und Frieden, fern aller Hektik, auf das alte Jahr zurückblicken und dem neuen Jahr in hoffnungsvoller Erwartung entgegen sehen möchten. Ein geistiges Atemholen, um den eigenen Standpunkt zu klären, der Seele Ruhe zu gönnen und sich mit dem eigenen Selbst in das Leben einzufügen.

Wenn man die verschiedenen Gebräuche und Riten betrachtet, gewinnt man den Eindruck, dass einstmals heidnische Volksreligion und christlicher Glauben miteinander in enger Beziehung stehen. Kann man die „Rauhnächte“ auch als Ausdruck der Auseinandersetzung und Vermittlung unterschiedlicher Kulturen verstehen?

Merz: Zu Beginn der Christianisierung in den germanischen und keltischen Gebieten Europas gelang es den Missionaren nicht, die tief verwurzelten Bräuche der Volksstämme und Gemeinschaften, die das Leben der Menschen prägten, zu unterdrücken. Deshalb versuchte man, die alten Sitten und Gebräuche mit christlichem Glaubensgut zu füllen. In Rom legte die Kirche fest, die heidnischen Feiertage mit den christlichen zu synchronisieren oder sie zu tilgen. Um dies noch weiter zu unterstützen, wurden auf den alten Kultplätzen christliche Kapellen, Kirchen und Kathedralen (je nach Größe und Bedeutung der alten Kultstätten) errichtet. Dennoch blieben viele Bräuche und Rituale bis in unsere Zeit erhalten und leben in vielen Variationen noch fort.

Buch-Tipp:
Gerhard Merz: Rauhnächte. Kompakt-Ratgeber. Das Mysterium der zwölf Schicksalstage. Mankau Verlag, 1. Aufl. Oktober 2017. Klappenbroschur, durchgehend farbig, 11,5 x 16,5 cm, 127 S., 8,99 € (D) / 9,20 € (A), ISBN 978-3-86374-416-8.

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