Knapp daneben ist auch daneben! Lesen manche Rezensenten "Heimische Superfoods" denn?

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Dieses Thema enthält 0 Antworten und 1 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von Dr. Barbara Rias-Bucher Dr. Barbara Rias-Bucher 04.12.2015 um 8:22.

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    Schon häufiger hat mich nun Kritik aus Redaktionen an meinem Buch „Heimische Superfoods“ erreicht. Beanstandet wird, der Titel suggeriere, was man im Buch nicht wiederfinde: Es würden sehr viele exotische Zutaten verwendet, während andere wirklich heimische „Superfoods“ – wie die zahlreichen Wintergemüse oder Wildkräuter – kaum Beachtung fänden.

    Mit dieser pauschalen Kritik kann ich nichts anfangen. Tatsächlich exotisch sind in meinem Buch Ingwer, Kurkuma, Kichererbsen, Agavensirup, Avocado, Zucker, Sesammus und Granatapfel. Bei Kakaonudeln auf Seite 192/193 weise ich darauf hin, dass man die positive Wirkung von Kakao und Schokolade auch durch Obst und Müsli erzielt. Kokos halte ich wegen der Fettsäuren für sehr wichtig und habe es als Fett genannt. Olivenöl ist bei einer gesunden Ernährung einfach unverzichtbar. Ach ja, Kokosflocken und Mandeln, Lebkuchengewürz und Muskatnuss, Pfeffer und Vanille sind auch exotisch, obwohl das sogar strenge Verfechter regionaler Produkte zu Recht nicht beachten – sonst müssten wir auf Currygerichte verzichten und dürften keine Weihnachtsplätzchen backen. Die Anzahl der Rezepte mit den sogenannten exotischen Lebensmitteln/Gewürzen ist im Vergleich zu den heimischen Zutaten sehr gering.

    Bereits auf Seite 11f. nehme ich zur möglichen Kritik an „Exotischem“ ausdrücklich Stellung.

    Vielleicht ist man in den Redaktionen nicht genau über die Anbaumöglichkeiten bei uns informiert: Das Bild zur Amaranth-Suppe auf Seite 31 stammt von mir, die Pflanze wächst in meinem Garten. Genau wie übrigens Artischocken (Seite 74), Auberginen, Topinambur (Seite 74), Chilis, Paprikaschoten, Radicchio, Zuckermais, Fenchel, Spaghettikürbis, die vielen Kräuter und Wildkräuter, die ich nenne. Und andere, die ich in diesem Buch nicht nenne: Spargelerbsen, Eiskraut, Postelein, Barbarakraut, Erdbeerspinat, Mizuna, Paksoi, Linsengrün und vermutlich noch einige mehr. Kürbiskerne kaufe ich nicht, sondern pule sie aus meinen selbst angebauten Kürbissen und röste sie mit ein bisschen Olivenöl in der Pfanne …

    Quinoa wird in Deutschland angebaut, Sojabohnen wachsen auch bei uns, und Tofu habe ich auch schon selbst hergestellt. Bioleute stellen auch Parmesankäse und Pecorino her (diese Käsesorten müssen nur anderes heißen), viele Menschen ziehen Zitrusfrüchte auf der Terrasse und lassen die Pergola mit Wein bewachsen. Mu-Err-Pilze sind einfach Baumpilze, die, wie mir vor Jahren ein Pilzexperte erzählt hat, auch bei uns wachsen, aber eben für die chinesische Küche typisch sind. Selbst Reis kann man anbauen, denn es gibt auch Trockenreissorten, und Reis ist mitnichten nur eine Tropenpflanze.

    Nun zu Wintergemüse, Kräutern und Wildkräutern: Rote Beten, Rotkohl, Pastinaken, Topinambur, Kürbis, Möhren, Weißkohl, Chinakohl, Wirsing, Endivie, Radicchio, Rosenkohl, Grünkohl sind im Buch enthalten, und zwar so oft, dass ich beim Schreiben schon Bedenken hatte, ob die Leserinnen mit soviel Wintergemüse glücklich werden.
    Kräuter tauchen ständig auf, weil ich sie auch ständig esse, und alle meine Bücher sind aus eigener Erfahrung geschrieben. Für Wildkräuter gilt dasselbe; auf meinem Grundstück wächst so ziemlich alles (nur das bei Gartenbesitzern verhasste, weil invasive Weidenröschen hat noch kein Plätzchen bei mir gefunden), sodass ich im Frühling nur mit Körbchen und Schere über meine große Wiese streifen muss. Die Wildkräuterpraxis in Form von Porträts und Rezepten findet man auf den Seiten 55, 59, 63,64, 74, 103, 106ff., 117, 122f., 172.

    Noch mal zu den un-heimischen Lebensmitteln: Tatsächlich heimisch – selbst als Wildformen – sind bei uns nur Möhren, Gurken, Feldsalat, Hagebutten, Himbeeren, Holunder, Preiselbeeren, Stachelbeeren, die inzwischen fast ausgerotteten Walderdbeeren und Waldheidelbeeren. Selbst der typisch deutsche Kohl wuchs ursprünglich an Atlantik und Mittelmeer und war im Römischen Reich schon bekannt. Zu uns in den Norden kam das Gemüse erst im Mittelalter: Im Sankt Gallener Klostergarten aus dem Jahr 820 ist ein Beet für Kohl verzeichnet. Doch eindeutig in Wort und Bild zu identifizieren ist Weißkohl zum Beispiel erst im 16. Jahrhundert. Die wilden Verwandten von Kopfsalat hat man im Altai-Gebiet, in Iran, Sudan und Oberägypten entdeckt. Und an Äpfeln konnten die heimischen Ahnen nur Holzäpfel ernten, denn „unser“ Apfel ist erst durch Kreuzung mit asiatischen Varietäten entstanden.

    Diese Stellungnahme ist nun etwas ausführlich geraten. Da ich früher selbst in Buch- und Zeitschriftenredaktionen gearbeitet habe, weiß ich aus Erfahrung, dass man oft mit den vielen Rezensionsexemplaren, die von Verlagen einfach verschickt werden, nicht durchkommt. Dennoch sollte man sie sorgfältig lesen, wenn man eine Rezension schreiben will.
    Mir geht – mit Verlaub – diese neue Art der Rezension/Kritik gewaltig auf die Nerven. Ich finde, dass es dem Autor gegenüber unredlich ist, ein Buch nur durchzublättern, vielleicht mal kursorisch zu überfliegen und aus diesen „Eindrücken“ eine Kritik zu formulieren. Wir – und damit meine ich auch meine Kolleginnen und Kollegen – schreiben solche Bücher ja nicht nebenbei, sondern recherchieren in Fachliteratur, arbeiten in der Praxis und sammeln Erfahrungen, die wir an unsere Leserinnen und Leser weitergeben.

    Mit vielen Grüßen aus meinem Selbstversorger-, Wildkräuter-, Obst- und Gemüsebauernhof!

    Barbara Rias-Bucher

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