Neulich beim Italiener an der Ecke

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Dieses Thema enthält 4 Antworten und 3 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  helena-schaenzler 01.06.2014 um 11:20.

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    Es gibt Spaghetti, natürlich!

    Es ist nicht so, dass ich beim Italiener (oder in anderen Restaurants) ständig die anderen Tische im Auge behalte… Die Gefahr, im Lokal als unerwünschte Person eingeordnet zu werden, würde mich in diesem Fall sehr betrüben! Aber manchmal muss ich einfach (natürlich unauffällig) hingucken – und manches lässt sich auch mit ein paar schnellen Blicken gut einordnen.

    Am Nachbartisch sitzt ein Pärchen etwa zwischen 16 und 18 – vielleicht das erste Date, das sehr romantisch mit einem Essen beginnt. (Ich würde das nicht empfehlen, weil das gleich so richtig ins Auge gehen kann…) Vielleicht kennen sich die beiden aber auch schon Jahre – egal, denn darum geht es auch gar nicht.

    Aber darum geht’s: Am Nachbartisch gibt‘s Spaghetti!

    Er isst Spaghetti mit Hackfleischsauce – in der Speisekarte steht „Spaghetti Bologna“. Das schöne am italienischen Wirt ist ja, dass er Italiener ist und auch so kocht. Also bitte „spaghetti alla bolognese“, wenn’s denn schon unbedingt sein muss.

    Sie isst Spaghetti mit Tomatensauce und Basilikum, das hier unter „Spaghetti Napoli“ firmiert… Geübt dreht sie ihre Gabel im Teller und bringt nicht zu wenig und nicht zu viel Spaghetti mit der Sauce auf dem Weg zum Mund, alles völlig unfallfrei und appetitlich – nicht das kleinste Spritzerchen ergibt sich der Schwerkraft.

    Leider klappt das bei ihm nicht so gut: Ein beherzter Stich mitten in die Nudeln, dort wo sie am dicksten aufeinander liegen, bringt ein ganze Menge von ihnen auf die Gabel und auf den Weg nach oben. Nur – die Ladung lässt doch sehr an Stabilität vermissen. Eine Spaghetti nach der anderen fällt spritzend auf den Teller zurück, und auch die weiße Tischdecke bekommt ihren Teil Sauce ab. Wo sonst noch rötliche Flecken entstehen, entzieht sich glücklicherweise meiner Kenntnis… Immerhin bleiben einige Nudeln gut aufgespießt auf der Gabel und finden so ihren Weg zum Mund. Allerdings hängen sie nun auf der einen Seite ein gutes Stück weit herunter – der Arme, eine aussichtslose Situation! Konzentrieren wir uns zunächst wieder auf den guten Tropfen Chianti auf unserem Tisch!

    Der nächste Blick zeigt, dass er durchaus lernfähig ist. Er dreht inzwischen mit sehr schräg gehaltener Gabel auf dem Boden seines Tellers viele Nudeln im Kreis. (Übrigens: Sie ist nun fertig mit ihrer Pasta und guckt interessiert auf das rege Treiben auf dem Platz vor dem Ristorante – sie will ihn offensichtlich nicht verlegen machen. Das Verhältnis zwischen den beiden ist (noch) nicht so, dass sie ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. Ja, wahrscheinlich habe ich mit meiner Vermutung Recht.) Nun, die gute Nachricht ist, dass die Nudeln irgendwann tatsächlich mit der Gabel verspeist sind, die schlechte Nachricht ist, dass der Ober die Tischdecke unbedingt jetzt schon wechseln müsste (was er vor dem Dessert dann auch macht – peinlich!). Eine weitere schlechte Nachricht ist, dass nahezu die ganze „Hackfleischsauce“ noch im Teller verweilt – schade darum. Wir nehmen also den Löffel und löffeln die Sauce wie Eintopf heraus. Nein!!!

    Bitte nicht nachmachen! Auch wenn der Teller nun leer ist – das geht so nicht! No go! Zu Hause ohne Zuschauer können Sie essen, wie Sie wollen, aber bitte nicht im Restaurant. Dort bin ich noch der verständnisvollste Zuschauer, was bei den Menschen an Ihrem Tisch schon ganz anders sein kann: die neue Partnerin, der neue Partner (oder eben die, die es noch werden sollen), Freunde, Kollegen, Kunden – schlechte Essensmanieren können Ihnen alles verderben!

    Im Falle unseres tapferen Spaghetti-Essers am Nebentisch will ich nicht die Note 6 vergeben, weil es mildernde Umstände zu berücksichtigen gilt. Waren Sie schon einmal in Bologna? Wenn nein – sehr schade für Sie, Bologna ist eine wundervolle italienische Großstadt! Sie ist die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna, die wiederum als das Zentrum hervorragender italienischer Küche gilt. Wenn ja – haben Sie schon jemals in Bologna in einem Lokal „spaghetti alla bolognese“ gegessen? Bestimmt nicht! Ich möchte meine Hand nicht für alle Feriengebiete in Italien, die von vielen Deutschen besucht werden, ins Feuer legen, aber „spaghetti alla bolognese“ bekommen Sie normalerweise in Italien nicht. Denn kein Italiener würde zu einer „Hackfleischsauce“ Spaghetti reichen – genau aus dem Grund, dass man sie nicht ausschließlich mit der Gabel essen kann. Denn bei jeder Gabel mit Spaghetti bleibt das Hackfleisch schön säuberlich getrennt im Teller zurück – kleinste Ausnahmen bestätigen die Regel. Für eine Hackfleischsauce bietet die extrem variantenreiche italienische Pastakultur weitaus bessere Nudelformen an – beispielsweise Makkaroni (Maccheroni), die man mit Messer und Gabel isst, sind dafür schon besser geeignet.

    Warum heißen denn dann die Spaghetti „Bologna“? Weil in Bologna eine unglaublich wohlschmeckende „Sauce“ gekocht wird mit dem Namen „ragú alla bolognese“. Sie wird mit einer großen Vielfalt an Fleischsorten, dazu mit Salsiccia, Zwiebeln, Karotten, Sellerie, Tomaten, Rotwein usw., zubereitet, aber sie wird niemals mit Spaghetti in Berührung kommen. Häufig wird sie mit Tagliatelle, die eine rauhe und poröse Konsistenz haben sollte, gereicht oder sie erfreut den Gaumen als Füllung zwischen den Pastaschichten einer Lasagne – beide essen Sie mit Messer und Gabel (und Löffel).

    Kommen wir aus Original-Italia wieder zu unserem Italiener und vergeben also zunächst mal einen Mitleidspunkt, weil unserem Nachbarn am Nebentisch eine Aufgabe gestellt wurde, die von vornherein nicht zu lösen war: das sehr nichtitalienische „spaghetti alla bolognese“ kann man nicht ausschließlich mit der Gabel essen. Da hat sich seine Partnerin (?) mit „spaghetti alla napoletana“ elegant aus der Affäre gezogen!

    Vielleicht vergebe ich noch einen Mitleidspunkt dafür, dass man sich über das richtige Spaghetti-Essen tatsächlich Gedanken machen muss (sollte). Hungrig vor einem Teller mit Spaghetti zu sitzen, ist nicht einfach. Denn man möchte ja möglichst schnell viele Nudeln essen, um satt zu werden. Auf älteren Fotos aus Italien kann man es sehen – es wurde (und wird zuweilen) dort mit der Gabel richtig „geschaufelt“! Wie gesagt, Sie können das zu Hause gerne machen – legen Sie vielleicht vorher Folie aus. Also wie isst man nun richtig Spaghetti? Man dreht am Rand des Tellerbodens in der Wölbung, dort, wo auch die Sauce zu finden ist, maximal drei einzelne Spaghetti auf die Gabel auf, indem die Gabel senkrecht (ungefähr 90°-Winkel) zum Teller steht. Sie werden sehen, drei 30 cm lange Spaghetti sind eine ausreichende Menge für eine Gabel, ohne dass es zu abstürzenden Nudeln kommt.

    Wie sollten Spaghetti nicht gegessen werden?
    1. Die Spaghetti sollten nicht geschnitten und dann zusammen mit der Sauce auf den Löffel geladen werden – und ab damit in den Mund wie beim Eintopfessen.
    2. Keinesfalls sollten die Spaghetti mit der Gabel vom Teller weg in großer Menge direkt an den Mund geschaufelt und dort abgebissen werden. (Das Nachschieben mit der Gabel ohne die Nudeln abzubeißen will gelernt sein.)
    3. Sie sollten die Spaghetti nicht mit der Gabel auf dem Löffel aufrollen, um sie dann vom Löffel zu essen.
    4. Die Kompromissformel: Leider ist sie gar keine, aber sie hat sich nördlich der Alpen (oder im Urlaub in Italien) als der unauffälligste Verstoß gegen die Spaghetti-Essregeln durchgesetzt. Sie verwenden den Löffel als Tellerbodenersatz, weil es leichter ist, die Spaghetti quer und nicht senkrecht auf einem Löffel aufzurollen, indem die Spaghetti beim Drehen nicht so leicht von der Gabel rutschen. Sie essen aber die Spaghetti von der Gabel und nicht vom Löffel.

    Hätte unser Nachbar die Variante 4 gewählt, wäre dieser Beitrag wohl erst gar nicht entstanden…

    Bis zum nächsten Spaghetti-Essen wünsche ich Ihnen alles Gute (wir sehen uns!) 🙂
    Ihr Herbert Schwinghammer

    #207238

    Anonym

    Dankeschön für diesen informativen Beitrag, Hr. Schwinghammer.
    Eine Story, wie man richtig Hummer ißt, wäre auch ganz interessant, so als Vorschlag für einen Ihrer nächsten Beiträge. 😉

    viele Grüße
    auf dem Weg

    #207272

    Vielen Dank für den Vorschlag, habe ich vorgemerkt – mal sehen, ob ich demnächst bei Käfer vorbeischaue… 😎
    Mein nächster Beitrag handelt aber von etwas ganz anderem!

    Viele Grüße
    Herbert Schwinghammer

    #207274

    Anonym

    Klingt spannend, freue mich auf die nächsten Beiträge und wünsche für demnächst einen Guten Appetit bei Käfer. 🙂

    Viele Grüße
    auf dem Weg

    #207289

    helena-schaenzler
    Teilnehmer

    Dankeschön für diesen tollen Beitrag! Das erspart mir in Zukunft viele peinliche Momente im Restaurant!
    Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge!
    Viele Grüße
    Eine (ehemalige) „Spaghetti mit dem Löffel Esserin“

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