„Chia gibt uns alle Nährstoffe, die wir brauchen!“

Interview mit der Ernährungsexpertin und Chia-Pionierin Barbara Simonsohn 

Seit einigen Jahren ist Chia, die wertvolle Wunderpflanze der Azteken, in aller Munde. Vom Bioladen und Reformhaus über viele Bäckereien mit Chia-Brot bis hin zu den immer gesundheitsbewusster werden Discountern haben die kleinen Samenkörner ihren Siegeszug angetreten. Barbara Simonsohn, profilierte Ratgeber-Autorin zu ganzheitlichen Gesundheitsthemen, war eine der Ersten, die das Potenzial der Pflanze erkannt und Chia als Power-Kost auch hierzulande bekannt gemacht haben.

Nach ihrem Standardwerk „Chia-Power“ (Windpferd-Verlag 2014) hat sie kürzlich den Kompakt-Ratgeber „Chia“ veröffentlicht, der die wichtigsten Informationen über Inhaltsstoffe, Wirkungen und Zubereitung zusammenfasst.

Wegen seiner hohen Nährstoffdichte gilt Chia als echtes „Superfood“. Ist Chia wirklich eine Pflanze der Superlative?

Simonsohn: Ja, das ist sie definitiv! Chia enthält genau das, was wir dringend benötigen – Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffe – und noch vieles mehr. So bringt uns Chia zurück ins Gleichgewicht, „back to balance“. Das Sensationelle daran ist: Chia ist kein Nährstoffkonzentrat, sondern ein vollwertiges Lebensmittel, das überhaupt nicht züchterisch bearbeitet wurde, weil es bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fast „vergessen“ war und nur noch auf knapp 250 Hektar angebaut wurde. Hier ein paar Beispiele, was in ihm steckt: Chia enthält fünfmal so viel Eiweiß wie Kidneybohnen, fast doppelt so viel Eiweiß wie Sojabohnen, achtmal so viele Omega-3-Fettsäuren wie Lachs, doppelt so viele dieser wertvollen Fettsäuren wie Algen, 15-mal so viele Ballaststoffe wie Vollkornreis und achtmal so viele Mineralstoffe wie Reis, doppelt so viel Kalium wie Bananen, bis zu sechsmal so viel Eisen wie Spinat, bis zu sechsmal so viel Kalzium wie Vollmilch, 16-mal so viel Magnesium wie Brokkoli, dreimal so viel Zink wie Bohnen, siebenmal so viel Vitamin C wie Orangen, dreimal so viel Vitamin E wie Weizenkeime und fünfmal so viel Folsäure wie Spinat. Angesichts der Vitalstoffdefizite in unseren Nahrungsmitteln – wir verhungern an vollen Töpfen – kann derjenige, der einen gesunden Lebensstil pflegen möchte, kaum auf Chia verzichten.

Seit einigen Jahrzehnten nutzt man Leinsamen, der aus einer der weltweit ältesten Kulturpflanzen stammt, als wertvollen Nährstofflieferanten und Verdauungshilfe. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Chia und Leinsamen?

Simonsohn: Was Nährstoffdichte und Konzentration von Omega-3-Fettsäuren betrifft, kann mit Chia nur Leinsamen einigermaßen mithalten. Allerdings hat Chia viermal so viele Ballaststoffe wie Leinsamen, wichtig für eine gesunde Darmflora und eine zügige Darmpassage. Ein Esslöffel Chiasamen, etwa 12 Gramm, enthält rund fünf Gramm Ballaststoffe. Dieselbe Menge an Ballaststoffen findet sich in zehn Scheiben Graubrot. Der Durchschnittsdeutsche nimmt nur noch 15 Gramm Faserstoffe zu sich, Ärzte empfehlen mindestens 30 Gramm, unsere Vorfahren haben davon 60 Gramm täglich verzehrt. Leinsamen enthält im Vergleich zu Chia keinerlei Antioxidantien. Chia hat mit einem ORAC-Wert von 7000 – ORAC misst das antioxidative Potenzial, d. h. die Fähigkeit, gefährliche freie Radikale aus dem Verkehr zu ziehen – mehr Antioxidantien als Blaubeeren.

Daher kann Chia auch im gemahlenen Zustand im Gegensatz zu Leinsamenschrot und -öl nicht ranzig werden und muss nicht im Kühlschrank und dunkel gelagert werden. Chia ist im Gegensatz zu Leinsaat eine Vitamin- und Mineralstoffbombe. Außerdem enthält es Polyphenole wie Ellagsäure, Catechine und Kaffeesäure, die den Körper vor Krebs schützen. In Leinsamen gibt es, im Gegensatz zu Chia, einige gesundheitlich bedenkliche Inhaltsstoffe wie die Glycoside Limarin, Linustatin und Neolinustatin, Antagonisten von Vitamin B6, sowie Inhibitoren von Trypsin. Clycoside sind Blausäurevorstufen. Die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungsbehörde FDA hat Leinsamen daher nicht als Lebensmittel zugelassen, dort ist es als Tierfutter sogar verboten. Leinsamen ist als Nahrungsmittel auch in Frankreich verboten und in Belgien und in der Schweiz ist der Verzehr nur eingeschränkt erlaubt.

Meinen Sie, Chia könnte bald Leinsamen zum Beispiel in Broten und anderen Backwaren ersetzen?

Simonsohn: Auf jeden Fall. Viele Verbraucher mögen Leinsamen nicht besonders vom Geschmack her, mögen aber das „crunchige“ Gefühl durch Zusatz von Samen beim Kauen von Brot und Brötchen. Chia schmeckt viel lieblicher als Leinsaat, ist noch gesünder und hat keinerlei gesundheitsbedenkliche Ingredienzen. In Chia stecken all die Stoffe, die wir dringend brauchen, allen voran Ballaststoffe, Omega-3-Fettsäuren, Folsäure und Antioxidantien wie Vitamin E. Für mich ist es also nur eine Frage der Zeit, wann Chia Leinsamen und zu einem Teil auch Kürbiskerne und Sonnenblumenkerne in Backwaren ersetzt. Es war noch nie so lecker, gesund zu essen, wie mit Chia. Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. Das Bäckerhandwerk könnte mit Chia als Zusatz zu Backwaren wie Brot, Brötchen und Keksen einen Beitrag zur Volksgesundheit leisten.

Chia war anfangs ein Geheimtipp für Leistungssportler und Marathonläufer. Wer kann noch von Chia gesundheitlich profitieren?

Simonsohn: Von Chia kann jeder profitieren. Kinder und Jugendliche sind oft durch vermehrten Vitalstoffbedarf, den Verzehr von Junk Food und leeren Kalorien und durch Schulstress von einem Nährstoffdefizit betroffen. Geben Sie doch Ihren Kindern Chiariegel oder mit Chia angereichertes Brot mit in die Schule und lassen Sie den Tag mit einem Chia-Müsli starten. Diabetiker können ihren Blutzuckerspiegel regulieren.

Frauen sollten zu Chia greifen, weil sie in diesen Samen das finden, was sie dringend brauchen: Folsäure, Eisen, Kalzium, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren sowie Magnesium. Außerdem hilft Chia beim Gewichtsmanagement durch seine hohe Quellfähigkeit und den entsprechenden Sättigungseffekt. Sportlich Aktive können mit Chia ihre Ausdauer und Leistungsfähigkeit steigern. Menschen mit Bluthochdruck, davon sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen betroffen, können den Blutdruck normalisieren. Vegetarier und Veganer sind oft mangelernährt, was Kalzium, Zink, Eisen und Vitamin B12 betrifft. Die ersten drei Mineralien finden sich konzentriert in Chia. Für Vitamin B12 in aktiver Form als Cobalamin empfehle ich Moringapulver.

Gibt es irgendwelche Einschränkungen beim Gebrauch von Chia?

Simonsohn: Es gibt keine Überdosis und keine Nebenwirkungen beim Chia-Verzehr. Weil Chia in der EU als „Novel Food“ eingestuft ist, sind Höchstmengen angegeben. Die sind in meinen Augen erst einmal bei normaler Ernährung nicht auszuschöpfen und zweitens überflüssig.

Wo sehen Sie noch Potenzial für Chia?

Simonsohn: Andere Länder sind schon viel weiter, was die Vermarktung von Chia betrifft. So wird in den USA Chia in Tierfutter angeboten, um Milch, Fleisch und Eier mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren anzureichern. In den USA und anderen Ländern gibt es Chia-Mehl zu kaufen, Chia aus gesprossenen Samen sowie gesprossene Samen angereichert mit DHA aus Algen. In den USA und Kanada gibt es Chiasamen, Chiaöl, Chiaöl-Softgel-Kapseln, Chiariegel, Frühstücksmüsli mit Chia, Kekse und Chips. In Südamerika findet sich dieselbe Produktpalette und zusätzlich Pasta. In Australien und Neuseeland können Sie mit Chia angereichertes Brot kaufen, einen Kekssnack sowie Joghurt mit Chia. In Japan und Korea ist Chia vor allem als Nahrungsergänzungsmittel bekannt.

Dem Antrag der Chia Company vom Mai 2011 für die Zulassung von Backwaren wie Muffins, Kekse, Cracker, Biskuits, Frühstückscerealien sowie Trockenfrüchte-, Nuss- und Saatmischungen mit Chia wurde mittlerweile von der zuständigen EU-Behörde stattgegeben. Die Zulassung von Chia-Öl wird für Ende 2016 erwartet. Das Potenzial von Chia ist riesig, weil die Samen lecker schmecken, lange haltbar und universell einsatzfähig sind, auch für Haus- und Nutztiere.

 

Buch-Tipp:
Barbara Simonsohn: Chia. Kompakt-Ratgeber.Fit und schlank mit der Powernahrung der Azteken. Mit leckeren Rezepten. Mankau Verlag, 1. Auflage Mai 2016, Klappenbroschur, durchgehend farbig, 95 Seiten, 7,99 Euro (D) / 8,20 Euro (A), ISBN 978-3-86374-296-6.

Link-Empfehlungen:
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