Interview mit der Ernährungswissenschaftlerin und Pilz-Expertin Gerit Fischer: „Pilze sind ein wunderbares Heilmittel für unsere Erde!“

„Pilze sind durch ihre besonderen Eigenschaften in der Lage, Problemstoffe zu zersetzen und zu entschärfen – sowohl im Erdboden als auch in unserem Körper. In meinem Buch stelle ich 20 heimische Pilzarten vor, die gut auffindbar sind und nachgewiesenermaßen Heilwirkung besitzen. Für das Suchen und Finden in der Natur können wir Menschen unsere ureigensten Fähigkeiten einsetzen – das tut der Seele gut und macht uns wieder ganz. Und wer auch Austausch zum Thema Pilzsammeln sucht, wird schnell merken, dass Pilzfreunde ein besonders nettes Volk sind!“ Gerit Fischer, Mykomolekulare Fachberaterin und Autorin des Kompakt-Ratgebers „Heimische Heil- und Vitalpilze“, erklärt im Interview, warum Pilze weit mehr sind als nur ein kulinarischer Genuss und weshalb wir sie wertschätzen sollten.

Passend zum Beginn der Pilzsaison erscheint Ihr Kompakt-Ratgeber „Heimische Heil- und Vitalpilze“. Was ist das Besondere an Ihrem Buch im Vergleich zu den zahlreichen Pilzbüchern auf dem Markt, und an welche Leser wenden Sie sich?

Gerit Fischer: Dieses Büchlein beschreibt Pilze, die erstens heilsam und zweitens bei uns heimisch sind, während bestehende Bücher nur das eine oder das andere behandeln. Mein Buch richtet sich an Menschen, die den Aufenthalt in der Natur genießen und sich gerne selbst versorgen – mit Essbarem und mit Naturheilmitteln.

Fast jeder kennt bestimmte Pilzarten als schmackhaftes Lebensmittel, doch nur wenige wissen, dass man mit Pilzen auch Krankheiten vorbeugen, sie behandeln und lindern kann. Warum wird dieses jahrtausendealte und in allen Kulturen vorhandene Wissen erst jetzt wiederentdeckt?

Gerit Fischer: Das ist eine interessante Frage. Ich vermute, dass es in unserer Zeit eine Sehnsucht nach dem Gewachsenen, dem Uralten, dem (beinah) Vergessenen gibt. Es ist, als würden wir einen Ausgleich suchen zu all den Dingen, die unseren Alltag bestimmen, die wir aber unmöglich durchschauen können. Wir nutzen ganz selbstverständlich Technologien, deren Funktionsweise uns unbegreiflich ist. Dagegen ist das Suchen und Finden in der Natur etwas, wo wir unsere ureigensten Fähigkeiten einsetzen können. Es macht uns wieder ganz. So empfinden es jedenfalls ich und viele andere, mit denen ich rede.

Entwicklungsgeschichtlich stehen Pilze den Tieren (also auch uns Menschen) näher als den Pflanzen. Welche Merkmale und Eigenschaften zeichnen die faszinierende Welt der Pilze aus?

Gerit Fischer: Pilze haben sich – wie die Tiere (und wir) – sehr früh von den Pflanzen abgespaltet und in eine eigene Richtung entwickelt. Auch sie können Sonnenlicht nicht verwerten. Wie wir brauchen sie organische Nahrung, während Pflanzen mithilfe der Photosynthese von anorganischen Reinstoffen leben können. Pflanzen bauen organische Substanz auf; Tiere, Menschen und Pilze bauen organische Substanz ab. Manche Experten vertreten die Ansicht, dass unser Organismus aus diesem Grund Pilze besser „versteht“ als Pflanzen, auf Pilze also besser anspricht als auf Kräuter.

Experten sind überzeugt, dass die Erde mit Pilzen gerettet und von Umweltschäden geheilt werden kann. Woher rührt diese Hoffnung, und was macht die Pilze zur ökologischen Wunderwaffe?

Gerit Fischer: Ich würde sie nicht als „Waffe“ bezeichnen, sondern als Heilmittel – nämlich als Erd-Heilmittel. Das englische Wort dafür ist „soil remediation“. Pilze sind durch ihre ungewöhnliche Enzym-Ausstattung in der Lage, eine Reihe von Problemstoffen zu zersetzen und zu entschärfen. Dazu zählen viele Schadstoffe und sogar Kunststoffe wie Plastik. Oder Erdöl. Böden, die mit Erdöl kontaminiert sind, können mit bestimmten Pilzen „entgiftet“ und wieder in brauchbaren Ackerboden verwandelt werden!

Ein bekannter deutscher Lebensmittelchemiker meinte einmal, dass Speisepilze im besten Fall nährstoffarm, schlimmstenfalls jedoch gefährlich seien und höchstens als Notnahrung (und als Rauschmittel) taugten. Warum werden die Pilze so unterschätzt, und wo liegen ihre Stärken aus ernährungsphysiologischer Sicht?

Gerit Fischer: Ich denke, Menschen teilen die Welt gerne in Gut und Böse ein. Derartige Polemik gibt den Leser*innen das Gefühl, einen Feind erkannt zu haben und sich dadurch vor Gefahr schützen zu können. Doch die Welt ist zu komplex für ein so einfaches Raster. Nicht alle Pilze sind ungesund oder giftig; es gibt die ganze Bandbreite von gefährlich bis heilsam. Oder es hängt vom Alter des Pilzes, dem Standort oder dem Wetter ab. Oder vom jeweiligen Menschen. Doch diese Komplexität ist verwirrend, und nicht jeder will sich darauf einlassen. Dazu kommt, dass das Misstrauen gegenüber den Pilzen in Europa eine lange Tradition hat. Das Wissen über Pilze ist sehr alt und in vorchristlichen Kulturen fest verankert. So wurde es mit dem „heidnischen Aberglauben“ in Bausch und Bogen verurteilt. Dieses Misstrauen war naheliegend, sind doch Pilze Wesen des Schattens und gedeihen auch gut in den modrigen, düsteren Bereichen der Wälder.

Aus Sicht der Ernährungsphysiologie ist es an der Zeit, den Pilzen endlich mit Wertschätzung zu begegnen. Von ihrer Zusammensetzung her glänzen sie durch weitgehende Abwesenheit von Kalorien und durch ihren Nährstoff- und Ballaststoffgehalt. Dieses Verhältnis wird als Nährstoffdichte bezeichnet, quasi das Gegenteil von Pudding – der viele Kalorien und wenig Nährstoffe liefert. Pilze sind nicht einzigartiger als Pflanzen, sie können aber durch diese auch nicht ersetzt werden. Pilze haben ihre ganz speziellen Inhaltsstoffe, die weitere Einsatzbereiche ermöglichen, als wenn man sich auf Heilpflanzen beschränken würde.

Ihr Kompakt-Ratgeber stellt 20 Pilze vom Austernpilz bis zum Zunderschwamm mit ihren biologischen Merkmalen sowie den wissenschaftlichen und überlieferten Heilwirkungen in Theorie und Praxis vor. Was hat Ihre Auswahl motiviert, und wo findet man diese Pilzarten vorwiegend?

Gerit Fischer: Es war mir wichtig, dass die vorgestellten Pilze tatsächlich auffindbar sind und auch wirklich Heilwirkung haben. Zwar sind einzelne Vertreter nicht ganz so häufig, oder es ist nicht so viel Heiltradition überliefert. Doch bei 20 Arten wird ganz sicher jeder und jede Suchende fündig. Allen vorgestellten Pilzen gemeinsam ist, dass sie Waldbewohner sind; nur einzelne Arten besiedeln Obstbäume. Und das Schöne ist, dass man viele auch im Winter sammeln kann, wenn die Pflanzenwelt Winterschlaf hält.

Das Pilzesammeln setzt einiges an Wissen voraus. Was sollte man bei der Suche nach dem „Fleisch des Waldes“ unbedingt beachten, und wie kann man seine Kenntnisse darüber erweitern und vertiefen?

Gerit Fischer: Das Wissen ist nur die halbe Miete! Unsere etwas eingerosteten Sinne wollen geweckt und gefordert werden. Das gelingt – wie alles Lernen – mit Wiederholungen. Wer nur einmal im Jahr in den Wald geht, kann kaum mit Sammelerfolg rechnen. Wer sich aber mit dem Wald und den Bäumen vertraut macht, bestimmte Orte immer wieder besucht und sie zu verschiedenen Zeiten im Jahr erlebt, beginnt Dinge zu bemerken, die ihm zuvor nicht aufgefallen wären. Dazu kommt, dass die Hilfe erfahrener Menschen unersetzlich ist. Zwar gibt es brauchbare Bestimmungsbücher und Online-Bestimmungs-Apps; doch allein darauf sollte man sich nicht verlassen. Viel mehr Sicherheit bietet die mündliche Überlieferung. Ein paar gute Pilzbücher und eine geführte Pilzwanderung hie und da sind ein sicheres Fundament, um zumindest drei oder vier „Einsteigerpilze“ zweifelsfrei erkennen zu können. Und wenn man dranbleibt, kommen jedes Jahr ein, zwei weitere Sorten dazu. So hat man in wenigen Jahren mehr „Pilzfreunde“ beisammen, als man nutzen kann! Wer wirklich motiviert ist, wird in den diversen Online-Foren regen Austausch und sogar gute Unterhaltung finden, denn die Pilzkundigen sind tatsächlich ein besonders nettes Volk! 

Das Interview wurde im August 2020 geführt.

Buch-Tipp:

Gerit Fischer: Heimische Heil- und Vitalpilze - 20 Pilze für Küche und Hausapotheke, Mankau Verlag, 1. Auflage August 2020, Klappenbroschur, 11,5 x 16,5 cm, 158 Seiten, 12,00 Euro (D) / 12,40 Euro (A), ISBN 978-3-86374-563-9.

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