Tinnitus: „Der Schlüssel zum Erfolg ist die Lernfähigkeit Ihres Gehirns!“

Interview mit dem Arzt und Gesundheitsautor Dr. med. Eberhard J. Wormer zum Thema "Therapieansätze für akute und chronische Ohrgeräusche"

"Da Tinnitus in der Regel nicht von außen wahrgenommen oder gemessen werden kann, sondern nur vom Betroffenen selbst, gilt es für diesen, selbst aktiv zu werden. Vor allem sollte er sich die Lernfähigkeit und Heilkraft seines eigenen Gehirns zunutze machen: Wenn mithilfe geeigneter Maßnahmen die Ohrgeräusche nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen werden, verschwindet die psychische Belastung – und damit oft auch der Tinnitus selbst.“ Der Allgemeinarzt Dr. med. Eberhard J. Wormer, Autor des Kompakt-Ratgebers „Tinnitus – Erste Hilfe bei Ohrgeräuschen“, will allen Tinnitus-Patienten Mut zur Eigeninitiative machen und erläutert die erfolgversprechenden Therapieansätze."

Ihr neuer Kompakt-Ratgeber verspricht „Erste Hilfe bei Ohrgeräuschen“. Was versteht man überhaupt unter „Tinnitus“, und wo liegen die Unterschiede zu anderen Hörstörungen?

Dr. Wormer: Tinnitus ist ein Symptom der veränderten oder gestörten Hörwahrnehmung; die abnormen Ohrgeräusche werden in der Regel subjektiv, d.h. nur von den Betroffenen wahrgenommen. Ein Bezug zu einer äußeren Schallquelle fehlt. Unterschiedliche Geräusche werden gehört: Brummen, Pfeifen, Zischen, Rauschen, Knacken, Klopfen u. a. – als Dauerton oder rhythmisch pulsierend. Das Symptom Tinnitus hat dann Krankheitswert, wenn Betroffene chronisch darunter leiden und psychosoziale Störungen hinzukommen, wie beispielsweise Angst, Depression, Schlafstörungen oder Berufsunfähigkeit. Der Unterschied zu anderen Hörstörungen liegt darin, dass man das Symptom Tinnitus nicht objektiv beweisen kann und dass die Hörstörungen „reine Kopfsache“ sind. Demnach hat der periphere Hörapparat bis zu den Schallaufnehmern in der Hörschnecke in der Regel nichts mit den Ohrgeräuschen zu tun. An der Hörschnecke endet aber meist das diagnostische Latein der HNO-Heilkunde.

Viele Betroffene arrangieren sich mit ihrer inneren „Hintergrundmusik“, andere werden geradezu an den Rand des Wahnsinns getrieben. Woran liegt es, dass Menschen so unterschiedlich damit umgehen?

Dr. Wormer: Gute Frage! Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch reagiert anders auf bedrohlich erscheinende körperliche Symptome. Auch Stress und Überforderung werden von jedem Menschen anders erfahren: Was für den einen eine Herausforderung ist, ist für den anderen unerträgliche Belastung. Hier wird einmal mehr deutlich, dass immer der ganze Mensch in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn in einer bestimmten Region Beschwerden und Störungen auftreten. Wahrscheinlich spielen die Grundbefindlichkeit, das individuelle Stressniveau und dessen Bewältigung eine wichtige Rolle. Oft lebt man unbemerkt jahrelang mit einem überdurchschnittlich hohen Stresspegel. Traumatische Ereignisse wie Tinnitus sind dann ein Anzeichen dafür, dass das Immunsystem überfordert ist, das eine wichtige Rolle für die ganzheitliche Homöostase, also die Selbstregulation im Organismus, spielt.

Die Entstehung und Behandlung der Ohrgeräusche wirft nach wie vor viele Fragen auf, die noch nicht vollständig beantwortet werden können. Was ist der gegenwärtige Wissensstand hinsichtlich der Ursachen des Tinnitus?

Dr. Wormer: Ohrgeräusche haben viele Ursachen, können im peripheren Ohr oder bei der zentralen Verarbeitung von Audiosignalen ausgelöst werden. Am häufigsten entsteht Tinnitus an der Hörschnecke (Cochlea) oder innerhalb der zentralen Hörbahn. Neun von zehn Tinnitus-Patienten haben zudem einen Hörverlust in der Cochlea, der auf der Tinnitusfrequenz am stärksten ausgeprägt ist. Tatsache ist: Bis auf seltene, diagnostisch eindeutige Ursachen – Innenohrmechanik, Entzündungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten – gibt die Schulmedizin mittlerweile zu, dass sie nicht weiß, was es mit den Ohrgeräuschen auf sich hat. Tinnitus ist wie gesagt „Kopfsache“; jenseits der Hörschnecke beginnt der unbekannte Kontinent der Nervenzellen. Die Ursache von Tinnitus fällt demnach im weitesten Sinn in den Bereich Neurologie, Psyche bzw. Psychosomatik.

Sie schreiben, dass „vor allem das unbegrenzte Lernvermögen des Gehirns der Schlüssel zur Lösung des Problems“ sei. Was folgt daraus für die medizinischen Möglichkeiten der Tinnitus-Therapie?

Dr. Wormer: Tatsächlich kann das Lernvermögen des Gehirns von jedem Menschen selbst als wirkmächtiges Heilsystem benutzt werden. Es werden demnach nicht die Medikamente sein, die den Erfolg bringen! Lernfähigkeit bedeutet: Alles kann gelernt werden. Für den Tinnitus heißt dies, dass man lernt, aus einem bedrohlichen Phänomen, eine „gewöhnliche“, vielleicht sogar „normale“ Wahrnehmungserfahrung zu machen. Das hat auch die Medizin begriffen und bietet als Nonplusultra die multimodale Tinnitustherapie an. Hier wird die Lernfähigkeit auf allen Wahrnehmungsebenen – plus gegebenenfalls HNO-Interventionen – auf Gewöhnung und Akzeptanz von Störgeräuschen trainiert. Und es funktioniert gut, wenn der Betroffene wirklich mitarbeitet.

Bei chronischem Tinnitus steht eine breite Palette von Therapieoptionen zur Verfügung. Welche sind dies, und was verspricht den größten Erfolg?

Dr. Wormer: Die Behandlung des chronischen Tinnitus konfrontiert die Medizin mit einer Problematik, die nahezu unlösbar erscheint. Es ist das Problem der „unheilbaren“ Krankheiten: Man weiß nicht, wie die Krankheit entsteht, und man weiß deshalb auch nicht, wie man sie behandeln soll. Eine frustrierende Erfahrung für die Medizin und die Betroffenen. Mittlerweile hat sich auf medizinischem Gebiet aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass chronischem Tinnitus nur mit der individuell passenden Mischung von Therapiemaßnahmen beizukommen ist. Davon profitieren die Betroffenen. Das Qualitätsniveau der Tinnitustherapie in Deutschland ist vergleichsweise hoch – nicht zuletzt wegen der Aufklärungsarbeit und des Engagements der Deutschen Tinnitus-Liga. Im Einzelfall bringt die richtige Therapiemixtur den Erfolg. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die umfassende Information und Aufklärung über Tinnitus. Als besonders erfolgversprechend gelten Lebensstilveränderungen, Entspannungsmaßnahmen, ganzheitliche Ansätze, Achtsamkeitstraining und die medizinische Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). 

Je stärker der geräuschhafte Höreindruck emotional negativ bewertet wird, desto mehr übernimmt der Tinnitus die Kontrolle über das Leben des Betroffenen. Welche Chancen haben Betroffene, aus eigener Kraft diesem Kreislauf zu entkommen?

Dr. Wormer: Wie gesagt, jeder Mensch ist anders, jeder Mensch empfindet anders. Die Chancen, wieder selbst die Kontrolle über das eigene Leben zurückzubekommen – trotz Tinnitus –, steigen mit der Bereitschaft und Einsicht, selbst aktiv werden zu müssen. Viele Betroffene entschließen sich dazu erst, wenn sie anhaltend frustrierende Erfahrungen mit zahlreichen Ärzten hinter sich haben. An diesem Punkt wissen Sie, dass Sie mit Ihrem Tinnitus auf sich selbst gestellt sind – hier beginnt Ihr Weg zur erfolgreichen Bewältigung. Das zeigen unzählige Patientengeschichten: Ihre Erfolgschancen steigen, wenn Sie sich am Leitspruch „weniger Ärzte, mehr Eigeninitiative“ orientieren. Ein gesunder Lebensstil, weniger Stress, mehr Achtsamkeit und positiv gerichtete Lernerfahrungen werden dem Tinnitus den Schrecken nehmen, ihn zunehmend bedeutungslos machen. Auf Ihrem Wegweiser steht: Zurück zur eigenen Lebensqualität.

Studien zufolge hat jeder Deutsche über zehn Jahre mindestens einmal Ohrgeräusche erlebt, und etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung leiden unter Tinnitus. Gibt es besondere Risikofaktoren, die anfällig für das Ohrenklingeln machen?

Dr. Wormer: An erster Stelle stehen ein ungesunder Lebensstil und chronisch ignorierte, erhöhte Stressbelastungen. Offenkundige, aber seltenere Risikofaktoren sind Lärmbelastungen – jede Lärmbelastung verursacht körperlich-psychischen Stress –, Arzneimittel oder Wirbelsäulen- bzw. Rückenprobleme, insbesondere an der Halswirbelsäule inklusive muskuläre Verspannungen.

Ähnlich wie bei Fibromyalgie beklagen viele Betroffene, dass ihr Leiden nicht ernst genommen wird oder Ärzte zu wenig über das Phänomen wissen. Worauf sollte man als Betroffener achten, wenn man sich in ärztliche Behandlung begibt?

Dr. Wormer: Ausschließlich subjektiv empfundene Symptome wie Tinnitus sind vom Damoklesschwert der Ignoranz – „interessiert mich nicht“ – und Stigmatisierung – „alles nur Einbildung“ bedroht, was sowohl Ärzte wie auch das persönliche Umfeld angeht. Achten Sie darauf, ob der Arzt sich überhaupt für Ihr Problem interessiert, ob er Sie anschaut, die richtigen Fragen stellt und ausreichend Gesprächszeit investiert. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie mehr über Tinnitus wissen als Ihr Arzt, überlegen Sie, ob Sie ihm vertrauen möchten. Der beste Arzt ist derjenige, der Sie auf dem Weg zur Bewältigung des Tinnitus unterstützen möchte und Ihr Leiden ernst nimmt.

 

Buch-Tipp:
Dr. med. Eberhard J. Wormer: Tinnitus. Kompakt-Ratgeber. Erste Hilfe bei Ohrgeräuschen. Mankau Verlag 2016, Klappenbroschur, 11,5 x 15,6 cm 127 S., 7,99 Euro (D) / 8,20 Euro (A), ISBN 978-3-86374-275-1.

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