Erfolgscoach Andreas Winter motiviert: „Lasst uns aus Schule ein Spiel machen, in dem alle gewinnen!“

„Liebe Eltern, schenkt euren Kindern bitte mehr Vertrauen und Eigenverantwortung – ohne Druck und Einmischung können sie besser denken und lernen. Und zu euch Schülern sage ich: Gebt der Schule keinen zu hohen Stellenwert – sie ist nur ein kurzer Abschnitt im Leben. Sie ist nicht dazu da, Spaß zu haben und euch zu unterhalten. Macht das Beste aus den paar Stunden am Tag, begeistert eure Lehrer für euch – denn ihr selbst bestimmt, wie ihr euch beim Lernen fühlt und welche Noten ihr bekommt.“ Diplom-Pädagoge Andreas Winter, Autor des Ratgebers „Schulzeit ohne Stress!“, sieht in der milliardenschweren Nachhilfeindustrie eine „Schande für unsere Gesellschaft und ein Armutszeugnis für ein untaugliches Schulsystem, unreife, überforderte Eltern und unreflektierte Pädagogen“. Im Interview erläutert er seinen erfolgreichen Ansatz „Coaching statt Nachhilfe“.

Die Kritik am Schul- und Bildungssystem füllt inzwischen Bibliotheken, und die aktuelle Corona-Krise zeigt deutlich, dass neue Ideen und nachhaltige Konzepte fehlen. Wo liegt Ihrer Ansicht nach der Fehler im „System Schule“, und was lässt sich dagegen unternehmen?

Winter: Der große Fehler im Schulsystem liegt darin, dass es dazu geschaffen wurde, Schüler zu systemkonformen Karrieristen zu verbiegen, die es nicht wagen sollen, selbstsicher hohe Lohnforderungen zu stellen oder sich selbstständig zu machen. Funktionierende, brave Beamte, Arbeiter und Angestellte, die ausführen, womit sie beauftragt werden, sind das politisch gewollte Ergebnis. Auf Begabung, Talent, Neigungen oder Schwächen des einzelnen Schülers wird dabei genauso wenig eingegangen, wie Intelligenz gefördert oder Kreativität und Kritikfähigkeit ausgebildet werden. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kommt noch hinzu: Obwohl alle führenden Schul-, Lern-, Lehr- und Gehirnexperten einhellig bestätigen und seit Jahren davor warnen, dass diese Zwangsbeschulung nicht lerngerecht ist, realisiert das kaum jemand, weil wir dieses System so gewohnt sind und es für normal halten. Normal ist es auch – aber nicht natürlich! Lernen und Lehren funktionieren völlig anders, als es in der Schule praktiziert wird, aber weder Eltern noch Lehrer und nicht einmal Schulleiter können dies ändern.

Sie erzählen gerne, dass Sie selbst ein schlechter Schüler waren und die Schulzeit in unguter Erinnerung haben. Wie haben Sie diese Phase gemeistert, und was brachte die Wende zu einem erfolgreichen Leben als Wissenschaftler, Autor und Leiter eines der größten Coaching-Institute Deutschlands?

Winter: Ach, ich war doch kein schlechter Schüler! Ich hatte lediglich zwischenzeitlich einige Schwierigkeiten mit den Lehrern, die mich hassten, mit Mitschülern, die mich mobbten, und dem Unterrichtsstoff, der unsinnig war, und habe obendrein sehr schlechte Noten bekommen, aber ein schlechter Schüler war ich nie. Irgendwann habe ich es verstanden, wie ich, ohne Hausaufgaben zu machen, ohne für die Klassenarbeiten zu lernen und obwohl ich manchmal den Unterricht schwänzte, dennoch gute Noten bekommen konnte. Ab da wurde Schule zu einem erträglichen Übel, das man ja irgendwie hinter sich bringen kann. Was mir unglaublich geholfen hat, waren einige Lehrer, die an mich glaubten, und in der Oberstufe ein Fach, das mich brennend interessierte – Pädagogik! Einige Lehrer erkannten mein Potenzial und hatten Freude daran, mich mal richtig Gas geben zu lassen mit Referaten, Interpretationen und semiotischen Analysen. Dadurch legte ich quasi einfach nur einen „fetten“ Endspurt hin und machte ein gutes Abitur. Weil ich aber nicht wusste, als was ich arbeiten sollte, habe ich dann erst mal das studiert, wofür ich mich begeisterte: die Geisteswissenschaften! Zum Glück habe ich bis heute keine „Arbeit“, sondern widme mich ausschließlich meinem Beruf. Und weil ich das so liebe und für so wichtig halte, bilde ich Coaches aus und schreibe diese Bücher. Dafür brauche ich weder den Plusquamperfekt noch Algebra.

Ihr Buch richtet sich an Schüler aller Jahrgangsstufen sowie ihre Eltern, um ihnen dabei zu helfen, die Schule gelassen und erfolgreich zu meistern. Wie motivieren Sie gelangweilte Teenager, freiwillig ein Buch in die Hand zu nehmen, und was raten Sie Eltern, um nicht am „missratenen“ Nachwuchs zu verzweifeln?

Winter: Teenager sind ganz einfach zu motivieren. Man braucht doch nur zu wissen, womit sie sich beschäftigen: Willst Du ein Mädchen küssen, ohne dass sie Dir eine knallt? Dann pass in Biologie auf. Da erfährst Du, was gut durchblutete Lippen und eine Pupillenerweiterung über ihren Hormonstatus aussagen. Oder pass in Englisch auf, denn Shakespeare erklärt in seinen Geschichten das Gleiche. Willst Du eine Eins in Sozialwissenschaften? Dann pass in Physik auf, denn da erfährst Du vom Gesetz des geringsten Widerstandes. Das gilt auch für das menschliche Gehirn und die Psyche mit ihrem Bedürfnis nach Frieden, Sicherheit und Gemeinschaft. Wenn Du ein Armdrücken gewinnen willst, zieh Dir die Hebelgesetze rein und meide Gegner mit längeren Unterarmen. Willst Du mal ein mit Wasser unlöschbares Feuer machen, zünde Deinen Anspitzer an …

Also, Sie sehen, man braucht doch nur einfach mal etwas Relevanz herzustellen. Und wenn die Teenies wüssten, dass ich in meinem Buch beschreibe, wie ich Lehrer dazu gebracht habe, mir gerne gute Noten zu geben, obwohl ich nie gepaukt habe, wie ich in Selbsthypnose meine Abiturklausuren mit Bestnoten geschrieben habe und wie man eine mündliche Prüfung besteht, selbst wenn man zunächst keine Frage auf Anhieb beantworten kann ­– dann würden sie auf dieses Buch von ganz allein neugierig. Wenn die Eltern dann auch noch ängstlich abraten, es zu lesen, ist es für die nächsten drei Tage garantierte Nachtlektüre ...

Und den Eltern rate ich: Vertraut Euren Kindern, denn sie wollen gerne lernen, was sie begeistert, und können ohne Druck und Einmischung besser denken. Sie wollen gerne ein normales erfolgreiches Leben in Wohlstand, dazu muss man sie nicht ermahnen. Außerdem: Kinder tragen die seelische Handschrift ihrer Eltern, allerdings in der Sprache ihrer eigenen Generation. So „missraten“ sind die meisten gar nicht – wir verstehen nur nicht, dass wir sie selbst zu dem gemacht haben, was sie sind.

„Coaching statt Nachhilfe“ lautet Ihr innovativer Ansatz, um ohne anstrengende Paukerei eine positive Motivationsspirale in Gang zu setzen und die Noten merklich zu verbessern. Wie muss man sich so ein „Schülercoaching“ vorstellen, und welche Rückmeldungen erhalten Sie von ihren Klienten oder Lehrern dazu?

Winter: Angefangen hat alles im Jahr 1989, ich war gerade 23 Jahre alt, als Olli, ein Freund von mir, mit dem ich hin und wieder in Bands spielte, mich ansprach und sagte: „Andi, Du kannst doch Hypnose. Kannst Du nicht auch machen, dass ich besser in der Schule werde? Ich habe in Mathe und Latein eine Fünf und brauche in der nächsten Klassenarbeit jeweils eine Zwei, sonst bekomme ich meine Abi-Zulassung nicht.“ Ich dachte: Wie soll ich das denn machen? Dann fiel mir aber ein, dass ich das in irgendeinem amerikanischen Buch über Hypnose schon einmal gelesen hatte. Ich wusste also nicht, wie es geht, aber DASS es geht. Ich machte mit ihm eine kleine Hypnose-Session, die sich als echter Volltreffer entpuppte: Er bekam Zweier in den Klassenarbeiten und seine Zulassung fürs Abi – und auch das hat er bestanden! Dadurch ermutigt fing ich an, eine Methode zu entwickeln, die ich sogar anderen Coaches beibringen konnte.

Im Wesentlichen geht es im Schüler-Coaching darum, Schule und Unterricht vom System her zu begreifen, die Persönlichkeit und Berufsmotivation seiner Lehrer zu verstehen, sich gegen Mobber und Saboteure abzusichern und sich nicht von besorgten Eltern unter Druck setzen zu lassen. Ein bisschen Lerntheorie, ein bisschen Selbstwertstärkung und das Ganze in Ruhe rübergebracht reichen meist aus, um mit einem veränderten Bewusstsein – einem anderen Mindset, wie es neudeutsch heißt – im Unterricht zu sitzen. Das erzeugt im Regelfall sofort eine positive Rückkopplung beim Lehrer.

Meine Klienten sind seit zwanzig Jahren begeistert, und Lehrer laden mich teilweise an ihre Schulen ein oder besuchen sogar meine Schülercoach-Fortbildungen. Die einzige Schwierigkeit sind eigentlich die Eltern, die verstehen müssen, dass man auf einen krummen Nagel nicht noch mehr mit dem Hammer draufschlagen sollte. Sie sollten sich tunlichst aus den schulischen Belangen heraushalten und ihr Kind eher vor der Schule beschützen.

Wenn Sie empfehlen, die Schule zu „rocken“ oder das Kind vor der Schule zu „beschützen“, laufen Schüler und Eltern dann nicht Gefahr, genau die Eigenverantwortung zu verlieren, die dann später vom „Ernst des Lebens“ verlangt wird? Was entgegnen Sie den möglichen Einwänden besorgter Pädagogen?

Winter: Ich empfehle das, weil ich damit Schule den Stellenwert zuschreiben möchte, der ihr gebührt: ein kurzer Abschnitt im Leben – mehr nicht. Die Schule zu „rocken“ – damit meine ich: Hab keine Angst, begeistere Deine Lehrer von Dir, mach die paar Stunden am Tag zu etwas, das Dir Freude macht, weil DU bestimmst, wie Du Dich fühlst und welche Noten der Lehrer Dir gibt. Sorge selbst für Deine Erfolgserlebnisse!

Und den Eltern sage ich: Wenn euer Kind erfahren soll, was Verantwortung ist, macht euch nicht zum Drill-Instructor, aber auch nicht zum Kindergärtner. Seid keine Helikopter, die immer ums Kind herumschwirren, und auch keine Gratis-Nachhilfelehrer, sondern nur Papa und Mama. Mehr nicht. Beschützt euer Kind nicht vor dem Lehrer, sondern vor der Schule. Wenn ein Kind es sich mit dem Lehrer verscherzt hat, so wird es bald merken, dass das eine ganz schlechte Idee war, denn die Lehrer sitzen am längeren Hebel. Das muss das Kind selbst ausbügeln. Das Kind muss erkennen, dass Schule kein Ort ist, an dem man Machtkämpfe mit Lehrern ausfechten muss, denn die Lehrer sitzen eigentlich im gleichen Boot. Lehrpläne, Lehrverordnungen und Schulordnungen diktieren allen, was wie zu tun ist – und darunter leidet fast jeder im Schulbetrieb.

Die Eigenverantwortlichkeit kann nur bewusst gemacht werden, wenn die Eltern aufhören, Eltern zu spielen – nur dann können die Kinder aufhören, (unverantwortliche) Kinder zu sein. Den besorgten Pädagogen rate ich: Helft den Kindern zu erkennen, dass sie zwar alles dürfen und nichts müssen, aber die Konsequenzen selbst zu tragen haben. „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füge keinem anderen zu!“, oder etwas moderner: „Ohne Ärmchen keine Kekse!“, versteht jedes Kind. Wer das als Pädagoge nicht versteht, sollte vielleicht umschulen. Das war jetzt etwas frech ausgedrückt, aber die angeblichen „Super-Nannys“ und „strengsten Erzieher der Welt“ machen doch alle den gleichen Fehler: Sie fördern Obrigkeitshörigkeit und verhindern Mündigkeit. Wenn wir in einer Demokratie leben wollen, dann ist das der falsche Tenor. Wenn ein Kind nie spürt, dass es natürliche Grenzen gibt, sondern die einzigen Grenzen die Ablehnung der Eltern und pädagogische Regeln sind, die kein gesunder Menschenverstand begreift, wie soll aus diesem Kind jemals ein mündiger, sozialkompetenter, entscheidungsfreier Erwachsener werden, der sein Potenzial entfaltet?

Für psychischen Druck sorgt nicht nur das System Schule mit seinen Leistungsanforderungen, sondern oft genug die digitalen wie analogen Anfeindungen durch die lieben Mitschüler. Wie können Kinder Prüfungsängste und Mobbingattacken unbeschadet überstehen?

Winter: Mobbing – ein sehr wichtiges Thema! Die üblichen Verdächtigen, die Schulversager oder Elterndruckopfer, können es manchmal gar nicht leiden, wenn jemand besser ist als sie. Demütigungen, üble Nachrede, Erpressung, Bedrohung, Schläge und Sabotage sind die gängigen Mittel der School-Bullies, um sich Luft zu machen. Da gibt es nur ein Mittel: Cool bleiben und Mitgefühl zeigen. Man muss wissen, dass solche Mobbing-Täter sich eigentlich selbst in ihren Opfern sehen und diese genau so behandeln, wie sie es selbst einst erlitten haben, von Eltern, Geschwistern oder anderen Bezugspersonen. Wenn man sich nicht länger als Mobbing-Opfer anbietet, wenn man nicht jammert und zu den Eltern und Lehrern rennt, wenn man sich nicht erpressen lässt, sondern einfach keine Resonanz bietet (das meine ich mit „cool bleiben“), dann funktioniert die Mobbing-Beziehung nicht mehr. Sobald das Mobbing-Opfer versteht, dass seine Täter selbst unterdrückte arme Schweine sind, die von den eigenen Eltern statt Schutz nur Erwartungsdruck bekommen, dann kann es auch Mitgefühl für die Klassentyrannen aufbringen. Allerdings ist das Thema etwas zu komplex, um hier mit drei Sätzen die komplette Lösung zu liefern. Aber es gibt sie. Und sie funktioniert – ich habe es selbst erlebt.

Das mit der Prüfungsangst ist simpel: Man muss wissen, wie eine Prüfung funktioniert und wie ein Prüfer tickt. Die meisten denken, eine Prüfung prüfe, ob man etwas kann, und der Prüfer wäre ein menschenfressender Dämon, der nur darauf wartet, einem das Leben versauen zu dürfen. Das ist falsch! Eine Prüfung prüft, ob man bereit ist, bei einer Prüfung mitzumachen. Man kann dem Prüfer helfen, einen dort zu prüfen, wo man etwas Wissen hat. Und sobald man das verstanden hat, ist alles ganz einfach. Wie das geht, beschreibe ich in einem eigenen Kapitel in meinem Buch.

Grundsätzlich denke ich, dass die milliardenschwere Nachhilfeindustrie eine Schande für unsere Gesellschaft ist. Sie ist ein Armutszeugnis für ein untaugliches Schulsystem, für unreife und überforderte Eltern, für unreflektierte Pädagogen, die im Studium nichts verstanden haben. Die großen Verlierer sind die Kinder, die den Fehler auch noch bei sich suchen und glauben, sie könnten ihn mit Fleiß bekämpfen. Lasst uns aus Schule wieder ein Spiel machen, in dem alle gewinnen! Wie das geht, beschreibe ich in meinem Buch! 

 

Buch-Tipp:
Andreas Winter: Schulzeit ohne Stress! So stärken Sie Ihr Kind in drei Schritten. Mankau Verlag 2020, Klappenbroschur, 13,5 x 21,5 cm, 191 S., 15,95 Euro (D), ISBN 978-3-86374-580-6.

Hörbuch-Tipp:
Andreas Winter: Schulzeit ohne Stress! So stärken Sie Ihr Kind in drei Schritten. Hörbuch mit Schülercoaching. Mankau Verlag 2020, 1 MP3CD im Jewel-Case, Gesamtlaufzeit ca. 332 Min., 8-seitiges Booklet, 19,95 Euro UVP (D), ISBN 978-3-86374-579-0.

Link-Empfehlungen:
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