„Für neue Motivation und Begeisterung brauchen Sie keinen ‚Kick‘, sondern nur ein ‚Klick‘ – im Kopf!“

Interview mit dem Dipl.-Pädagogen, Coach und Bestsellerautor Andreas Winter

„Ob wir voller Energie und Tatendrang unsere täglichen Pflichten meistern oder sie nur als ermüdend und lästig empfinden, entscheiden die Gefühle, mit denen wir herangehen. Denken wir, dass wir dies oder das tun ‚müssen‘ und der Tretmühle wehrlos ausgeliefert sind, oder sehen wir darin beglückende und bereichernde Aufgaben, denen wir uns gerne stellen ‚wollen‘? Die Kunst liegt also darin, Freiwilligkeit statt Bevormundungsstress zu verankern – denkst du anders, lebst du anders!“ Andreas Winter, Leiter eines der größten Coaching-Institute Deutschlands und Autor des Taschenbuchs und Hörbuchs „Müssen macht müde – Wollen macht wach!“, erklärt im Interview, warum Motivationsprobleme die logische Folge unserer Erziehung und unserer Gesellschaft sind und wie wir dennoch neue Begeisterung in unser Leben holen können.

Sie sagen selbst: „Motivationsbücher gibt es wie Sand am Meer, und die Branche der ‚Tschakka-Gurus‘ boomt.“ Was hat Sie zu diesem Projekt motiviert, und was unterscheidet „Müssen macht müde – Wollen macht wach!“ von der Konkurrenz?

Winter: Im Laufe meiner langjährigen Arbeit als Coach habe ich viele Menschen kennengelernt, die schon nahezu alles versucht haben, um ihrem Leben eine positive Wendung zu geben. Von Nahrungsergänzungsmitteln über Sportprogramme bis hin zu Selbstfindungsseminaren wurde alles ausprobiert, um sich für berufliche, gesundheitliche oder partnerschaftliche Ziele zu motivieren. Das Ergebnis war meist ein kurzer Kick von einigen Tagen Dauer. Danach war wieder alles beim Alten und der Frust umso größer. Ich suchte nach Lösungen, die nachhaltige Veränderungen ohne Strohfeuer-Effekt leisten konnten. Meist ist es eine bestimmte Erkenntnis, die ein hartnäckiges Verhaltensmuster aufbrechen kann, ein sogenannter „Klick im Kopf“, wie ich das nenne. Auf das Thema Motivation bezogen heißt das: Mein Buch soll keinen „Kick“, sondern ein „Klick“ auslösen!

Zu Ihnen kommen Menschen, die mitunter seit Jahrzehnten mit emotionalen Störungen wie Selbstzweifeln, Versagensängsten, Schuldgefühlen, psychosomatischen Auffälligkeiten und chronischen Krankheiten belastet sind. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Coach?

Winter: „Coaching bedeutet, jemandem etwas zu zeigen, von dem er nicht wusste, dass er es kann“, so habe ich es einmal formuliert. Ich bin sicher, dass jeder Mensch gesund, glücklich und erfolgreich sein kann, wenn er ein paar Dinge, die er erlebt und erlitten hat, mit anderen Augen betrachtet. Aus diesem heilsamen Perspektivenwechsel habe ich eine Coachingmethode entwickelt, nebst dem dazugehörigen Ansatz, dass die Probleme eines Erwachsenen ihren Ursprung in der frühesten Kindheit haben und nur dort gedanklich/emotional aufzulösen sind. Es geht um die Auflösung von Wahrnehmungsmustern. Ich beschreibe das mit dem Satz: „Denkst du anders, lebst du anders!“ Das zu vermitteln, ist meine tägliche Aufgabe.

Der Titel des neuen Ratgebers und Hörbuchs ist nicht nur eine griffige Formel, sondern hat auch einen wissenschaftlichen Hintergrund. Warum macht Müssen müde, Wollen hingegen wach?

Winter: Wir denken immer, Müdigkeit entstehe durch Energieverbrauch. Dabei übersehen wir, dass der Körper ständig Energie verbraucht, ohne zu ermüden. Unser schlagendes Herz ist ein Muskel, der rund um die Uhr arbeitet, ohne eine Erholungspause zu benötigen. Erschöpfung resultiert also nicht aus einem Energiedefizit; es ist ein Mangel an bestimmten Neurotransmittern im Gehirn, den Endorphinen, welcher uns die Antriebskraft raubt. Wenn der Mensch sich darum kümmert, eine Aufgabe zu bewältigen, die ihm ausschließlich fremdbestimmt und damit sinnlos erscheint, dann entsteht ein Mangel an den Botenstoffen im Körper, die das Gehirn dazu befähigen, die eigenen Bedürfnisse zugunsten von äußeren Anforderungen zu unterdrücken. Und das macht müde. Wenn ein Mensch hingegen etwas tut oder erlebt, das ihm Glücksgefühle verschafft, hält er länger durch, bekommt weder Appetit noch Lust auf eine Zigarette und wird auch nicht müde. Egal, was wir tun: Wenn wir es als müssen empfinden und denken, dass es von uns verlangt oder erwartet wird, dann strecken wir irgendwann alle Viere von uns.

Erwartungsdruck und Fremdbestimmung sind massive Stressfaktoren, die nicht nur Erschöpfung und Antriebslosigkeit nach sich ziehen; auch Krankheiten und viele Allergien können daraus entstehen. Welche Symptome treten dabei auf, und wie lassen sich diese wirksam behandeln?

Winter: Klar, wer sich stets und ständig unter Erwartungsdruck gesetzt fühlt, der fühlt sich bedroht, ohne sich wehren zu dürfen, und schwächt dadurch seine eigene Abwehr. Leukämie, Blinddarm- oder Mandelentzündungen deuten darauf hin, dass die abwehrproduzierenden Organe auf Hochtouren arbeiten, aber keine Entlastung erfahren. Die Folge sind Entzündungsherde oder überschießende Reaktionen des endokrinen (hormonproduzierenden) Systems, typischerweise auch Allergien, weil allergische Schübe immer durch Bevormundungsstress getriggert, also aufgerufen werden. Katzenhaare, Hausstaubmilben, Gluten oder Laktose allein machen niemanden krank. Erst wenn eine spezielle hormonelle Mischung im Körper vorherrscht, dann „knallt’s“, dann kommt der Schub. Die Lösung ist in der Theorie ganz einfach: Man muss die Freiwilligkeit zurück in sein Leben holen. Ohne Stress keine Krankheit! Die Praxis ist natürlich etwas anspruchsvoller. Es gibt aber mittlerweile bestimmte psychologische Techniken, mit denen man die Ursachen aufdecken und Lösungen einfach verankern kann. Das geht relativ schnell und kostet übrigens auch vergleichsweise wenig, legt man die Tarife der Schulmedizin zugrunde.

Psychosomatische Erkrankungen resultieren Ihrer Auffassung nach aus massiven unterbewussten Gedankeneindrücken bzw. Gefühlen, die aufgrund ihrer großen Datenmengen den Körper beeinflussen. Sind Menschen demnach eine Art Bio-Roboter, der sich beliebig programmieren und manipulieren lässt?

Winter: Bio-Roboter? Wenn man den Ursprung des Wortes „Roboter“, also „Arbeiter“ zugrunde legt, ja. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in welcher wir alle fast ausnahmslos und unumstößlich glauben, arbeiten zu müssen. Daraufhin werden wir von Anfang an erzogen. Da dies der menschlichen Psyche widerspricht, die auf Entfaltung und nicht auf Bedürfnisunterdrückung ausgerichtet ist, sind Konflikte vorprogrammiert. Der Mensch ist zudem sehr friedens- und harmoniebedürftig, sodass wir alle versuchen, den Ärger zu vermeiden, den wir bekommen, wenn wir nicht brav und artig funktionieren und den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen. Unsere Eltern sind da leider meist diejenigen, die den eigenen Kindern dieses inhumane Wertesystem mit genügend Druck vermitteln. Da sich Kinder von den Eltern abhängig fühlen – und es zumeist auch sind –, werden sie sehr empfänglich für Manipulationen, Erwartungsdruck und Sanktionen. Daher lassen sich die so konditionierten Menschen auch im Erwachsenenalter noch leicht einschüchtern.

Das Hörbuch mit Motivationscoaching spricht die emotionalen Bereiche und Kompetenzen des Denkens an, damit das Gehörte rasch und nachhaltig im Alltag umgesetzt wird. Ist es damit eine notwendige Ergänzung des Ratgebers, oder richtet es sich einfach an eine andere Gruppe von Interessenten?

Winter: Das Hörbuch enthält nicht nur den – leicht gekürzten – Buchtext, den ich selbst eingesprochen habe, sondern zudem ein wirkungsvolles Kurzschlaf-Programm, an dessen Ende man frisch motiviert an die Aufgaben gehen kann, die einen zuvor ermüdet hatten. Es richtet sich damit an Menschen, die über das Buch hinaus gleich in die Umsetzung gehen möchten und bereit sind, dafür eine Hilfestellung anzunehmen. Außerdem hat das Hörbuch den Vorteil, dass man sich von mir etwas „berieseln“ lassen kann, denn auch Lesen sollte keine Pflichtübung sein, bei der man sich anstrengt.

Wer Ihre Bücher und Ihre Biografie kennt, könnte Sie selbst für den besten Beweis der Wirksamkeit Ihres therapeutischen Ansatzes halten. Was haben Sie „richtig“ gemacht, und wo müssten Sie selbst noch etwas von sich lernen?

Winter: Nicht ich habe etwas richtig gemacht, sondern meine Eltern. Die haben mich nämlich nicht „erzogen“, sondern mir die Möglichkeit gegeben, mich als Kind zu entfalten. Ich hatte somit keinen Gerichtshof, sondern ein Zuhause. Ich „musste“ nichts, weder früh zu Bett gehen noch den Teller leer essen oder Hausaufgaben machen. Ich durfte eigentlich alles ausprobieren, aber ich spürte auch stets die Konsequenzen meines Handelns. Dadurch konnte ich selbst meine Grenzen erfahren und konfliktfrei erweitern. Ich habe lernen dürfen, wie man auf sich selbst aufpasst und somit sein Leben verantwortlich und im Einklang mit seinen Mitmenschen gestalten kann. Was ich gerade noch lerne, ist, dass sich noch nicht jeder Mensch für diese Freiheit bereit fühlt. Für einige Menschen sind meine Vorstellungen zu utopisch. Der Gedanke an eine selbstsichere Gesellschaft, in welcher die Menschen sich nicht gegenseitig misstrauen, belügen und unter Druck setzen, sondern ein Miteinander zum Wohle aller schaffen, erzeugt bei einigen noch Abwehrreflexe. Geduld ist leider für mich als Forscher und Entwickler nicht meine größte Stärke …

Wie schon in Ihren vorigen Büchern üben Sie wieder einmal deutliche Kritik an unserem Gesellschaftssystem. Warum?

Winter: Wir leben in einer Gesellschaft, die über enorme Ressourcen verfügt. Wissen, Kapital, Kultur und Humanismus. Doch Kultur wird verhöhnt, Wissen wird vorenthalten, und das Kapital fließt ab. Humanistisches Gedankengut weicht dem Sozialdarwinismus der „Ellenbogengesellschaft“ und des Karrierekampfes im Haifischbecken, und das nur aus Gründen der globalen Marktwirtschaft. Das muss und sollte nicht sein. Kinder aller Nationen zeigen uns, wie man teilt, vergibt und mit Sinn, Neugierde und Freude den Tag gestaltet. Es sind nicht etwa die Eltern, die nun daherkommen und alles eindämmen und blockieren – die lieben ihre Kinder schließlich am meisten; es sind die Systeme, die uns glauben machen, wer krank ist, brauche den Arzt, wer erfolgreich sein will, müsse sich anstrengen, und wer glücklich sein will, müsse dafür viel Geld ausgeben. Die Eltern setzen diese Vorgaben lediglich um, wenn auch allzu oft unreflektiert. Ich halte das für nicht erstrebenswert, sondern für das Gegenteil dessen, wie wir Menschen eigentlich gestrickt sind. Der Homo sapiens ist zum „Homo Zivilisatoris“ geworden, zum oben erwähnten Bio-Roboter. Leicht zu kränken, zu verängstigen und somit zu manipulieren. Das sollten wir nicht länger zulassen. Ein wenig Aufklärung, ein wenig Respekt voreinander und ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel würden wahrscheinlich schon ausreichen, um den K(r)ampf zu beenden.

Buch-Tipp:
Andreas Winter: Müssen macht müde – Wollen macht wach! Der Motivationsratgeber. Mit einem Vorwort von Dieter Broers. Mankau Verlag, 1. Aufl. März 2018. Taschenbuch, 12 x 19 cm, 142 Seiten. 9,95 Euro (D) / 10,30 Euro (A). ISBN 978-3-86374-442-7.

Hörbuch-Tipp:
Andreas Winter: Müssen macht müde – Wollen macht wach! (2 Audio-CDs). Hörbuch mit Motivationscoaching. Mankau Verlag, 1. Auflage März 2018. 2 Audio-CDs, Gesamtlaufzeit ca. 150 Min., 15,- Euro UVP (D/A). ISBN 978-3-86374-445-8.

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